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Kommentar: All Inclusive schadet der Türkei mehr als Urlaubsboykott

In einem Gastbeitrag teilt eine seit fast 20 Jahren in der Türkei lebende Deutsche ihre Gedanken zum Thema Urlaubs-Boykott gegen die Türkei mit.

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(Foto: privat)
Ein Gastbeitrag von Marina Bütün
Nach den Wahlen macht sich jetzt bei vielen deutschen Landsmännern von mir der Unmut breit… denn rund sechs Millionen Deutsche haben die AfD gewählt. Und das sind doppelt so viele deutsche Menschen wie die türkische Provinz Antalya Einwohner hat.
Beides hat nicht direkt mit meinem Thema zu tun, aber erstens zeigt es die Größe der Provinz Antalya im Vergleich auf, zweitens sind aus meiner Erfahrung heraus AfD-Wähler die Leute, die gegen die Türkei wettern und gegen den Islam. Doch es gibt auch noch andere Landsmänner, die nicht zu diesen Parteianhängern gehören, die seltsame Vorstellungen von der Türkei haben und die irgendwie auf einem anderen Planeten leben….
Es ist mir in Deutschland vor meiner Auswanderung mehrmals passiert, dass ich Sätze von deutschen Landsmännern hörte, die , als sie hörten, dass ich in die Türkei auswandern werde, so fragten:
”Ach, Türkei, das ist doch Antalya, oder?”
Leider ist das heute noch nicht einmal allen Deutschen klar, wo die Türkei liegt, wie groß sie ist und gerade die sind es, die unseren Präsidenten furchtbar hassen und die Türken ja sowieso und sagen, dass man sein Geld da auf keinen Fall im Urlaub ausgibt und nieeemals hinfährt und und und und! – Woran liegt das eigentlich?
Es liegt nicht immer an einer ”braunen” Einstellung, auch nicht immer an fehlender Intelligenz, sondern auch an anderen Faktoren, die ich einmal beleuchten möchte.
Nach meiner Auswanderung vor ganz vielen Jahren ist es immer noch so, dass, wenn ich sage, wo ich in der Türkei lebe, keiner weiß, wo das auf der Landkarte zu suchen ist und manchmal bin ich, wenn ich es so betrachte, fast froh darüber, dass wir nicht die große Touristenschwemme haben, obwohl unsere Strände die besten an der ganzen Küste sind.
Ein kleines Paradies noch, welches gerne so bleiben kann und das fast keiner kennt, nicht einmal viele Türken, und trotzdem nagt unsere Region nicht am Hungertuch, nur weil die deutsche Presse das unbedingt so haben will – und der Rest der weiteren 80 Provinzen der Türkei auch nicht.
Denn wer von den Türkeihassern denkt, dass die Türkei (und bei den meisten ist das eben nur Antalya) durch All Inclusive Tourismus reich wurde, ist völlig falsch informiert. Im Gegenteil, All Inclusive bringt dem Land und der Region herzlich wenig und das nicht erst seit heute. Das war schon immer so. Wer All Inclusive bucht, der hat alles inklusive Essen bereits bezahlt, kann trinken so viel er will und muss nicht mehr in den Ort gehen, um das zu tun. Das heißt, Restaurants und Bars im Ort verdienen nicht mehr an diesen Touristen.
Die Geschäfte in den Hotels halten aufgrund der hohen Ladenmieten die Kunden gerne im Hotel und verkaufen dort schon ihre Waren, was sonst im Ort passieren würde. Dieses System gibt es bereits seit Jahrzehnten, es schadet der Türkei und ihren örtlichen Geschäften im Tourismus mehr als der jetzt so hochgepuschte Boykott der deutschen Touristen.
Wer sich damit nie beschäftigt hat, der weiß das natürlich auch nicht.  Hier auch nachzulesen in dem Bericht der WELT 2009.
Aber zu sagen, die Türkei stirbt, wenn in einer von 81 (!!) Provinzen die Geschäfte schlechter gehen, dann finde ich das weit hergeholt und völlig blödsinnig.
Die Türkei besteht nicht nur aus der Provinz Antalya mit knapp drei Millionen Einwohnern, sondern die Türkei hat insgesamt noch 77 Millionen Einwohner mehr als das: 80 Millionen Menschen in 80 anderen Provinzen, wovon der Löwenanteil NICHT an einem Meerstreifen liegt
Natürlich ist der Tourismus mit eine Haupteinnahmequelle der Türkei, aber pauschal zu sagen, hinter den türkischen Stränden im Inland passiert sonst nichts, ist ziemlich dumm. Deutschland hat außer dem Bayerntourismus und dem an der Küste im Norden ja auch nicht nur Brachland.
Und trotzdem, auch wenn wir bei mir hier in der kleinen Region (die nicht zur Provinz Antalya gehört, sondern zu Muğla, das gleich angrenzend liegt) wir im Umkreis von 50 km nur ein ganz kleines Kontingent an Individualtouristen haben, ist nicht der Bankrott ausgebrochen. Denn unsere Region ist völlig anders strukturiert als die Provinz Antalya. Die Haupteinnahmequelle der Region um Dalaman ist der Zitrusfrüchte- und Granatapfelanbau.
Als Hauptlieferant der Türkei liegt bei uns nicht der Schwerpunkt auf dem Tourismus. Genau wie auch Regionen im Inland andere Haupteinnahmequellen haben.
Bei uns an der Küste gibt es zum Glück auch Orte wie Kaş, Kalkan oder gerade unseren Ortsteil Dalyan, die keinen All-Inclusive-Urlaub anbieten. Dalyan hat nur kleine Aparthotels zum Selbstversorgen oder Hotelanlagen mit Frühstück und Halbpension. Dort bringen die Touristen das Geld wirklich in den Ort und unter die arbeitende Bevölkerung und lassen es nicht den großen Hotelketten. Auch diese vielen kleinen Hotels schaffen Arbeitsplätze und tun mehr für die türkische Wirtschaft als ein All Inclusive Hotel.
Und nicht zuletzt natürlich auch die etwa 16 000 Auswanderer in meiner Provinz. Engländer, Deutsche, Niederländer, Belgier und Türken aus Deutschland, die hier nicht in Hotels leben, sondern in eigenen Wohnungen und Häusern, die ihr Geld in den Läden der Einheimischen und nicht in den Hotels ausgeben. Diese wohnen auch nicht alle in Tourismusorten, direkt am Meer, ganz viele leben unter den Einheimischen in der Flughafenstadt Dalaman oder anderen Städten in der Provinz.
Es leben zur Zeit insgesamt  650.308 gemeldete Ausländer (mit Aufenthaltserlaubnis) permanent in der Türkei, hier die Verteilung:
199.260 in Iastanbul, 55.064 in Ankara, 54.755 in Antalya, 28.897 in Bursa, 24.597 in İzmir, 16.554 in Muğla, 15.584 in Gaziantep, 13.813 in Konya, 11.744 in Mersin und 11.514 Sakarya.
Das heißt, es gibt in der Türkei offiziell fast so viele Ausländer wie die deutsche Stadt Frankfurt Einwohner hat. Sie unterstützen dauerhaft die türkische Wirtschaft, 69.873 davon sind deutsche Staatsbürger, die permanent in der Türkei leben, von diesen wiederum 8.412 in der Provinz Antalya. Das sind keine Touristen-, sondern Einwohnerzahlen.
Der allseits beliebte Spruch von gerade den All Inclusive-Touristen aus Deutschland war bisher, dass SIE ja schließlich das Geld ins Land bringen würden. Aber ist das auch wirklich so viel, dass die Türkei zusammenbricht, wenn sie dem Protest der deutschen Medien Folge leisten und deswegen wegbleiben, wenn man eine Woche lang mit Flug und Übernachtung, Essen, trinken, so viel man will schlappe 300 Euro bezahlt?
Mal davon abgesehen, dass ein normaler Fluggast, der wie ich, nur einen Flug bucht, mindestens 300 Euro allein für den Flug bezahlen muss?
Wer nicht weiß, wie so ein All Inclusive System funktioniert, denkt das wohl.
Der Tourist weiß nicht, dass z.B. Reiseveranstalter wie früher schon Neckermann Reisen oder Öger, die deutsche TUI ein ganzes Kontingent an Hotelzimmern im Vorfeld dem türkischen Hotel bereits fest anmietet und diese dann selbst, inklusive Flug als Paket verkauft. Das heißt, wenn dann die Buchungen ausbleiben, werden die Preise des Reiseveranstalters gesenkt und bevor man ein halbleeres Flugzeug in die Türkei schickt, das Geld kostet, schenkt man dem Bucher den Aufenthalt im Hotel, damit sich der Verlust verringert.
Das wissen die Wenigsten. Ich kenne mich hier aus, weil in meinem direkten privaten Umfeld sowohl ein Inhaber einer Agentur aus München und einer aus Istanbul ist. Gehen keine Buchungen ein, verliert das Reiseunternehmen, nicht das Hotel in der Türkei.
Fakt ist, gewinnt der Hotelier mit seinem billigen All-Inclusive-Konzept, verlieren der Ort und die Einwohner mit ihren Geschäften Einkommen. Nimmt der Tourist nur Frühstück oder Halbpension, ist es umgekehrt und das schon seit den 90-er Jahren und nicht erst seit es die deutsche Hetze gibt, nicht mehr in die Türkei zu fliegen.
Das bedeutet, jeder, der früher schon als All-Inclusive-Tourist in die Türkei kam und jetzt nur weg bleibt, weil er den Medien glaubt, schadet der Türkei auch nicht wirklich mehr als vorher. Er schadet dem Reiseveranstalter in seinem eigenen Land. Wenn man einmal genau hin sieht, wer denn die großen Luxushotels hat, sind es ausländische Investoren und keine Einheimischen, die von diesen Kunden profitieren. Die Gewinne gehen an Hotelketten wie Hilton (amerikanisch), Steigenberger (deutsch), Club Robinson (französich), Aldiana (deutsch) oder Club Magic Life (österreichisch). In Antalya sind es auch russische Hotelketten.
Glauben Sie, dass all die Gewinne dieser Hotelanlagen dann wieder in der Türkei ausgegeben werden? Natürlich werden dort türkische Löhne bezahlt, Steuern an den Staat, aber der Gewinn unterm Strich, nach den Ausgaben, fließt ins Ausland.
Auch auf dem Arbeitsmarkt sieht es ähnlich aus. Sicherlich werden Menschen entlassen, wenn ein Hotel schließen muss, doch weiß man dann auch warum?
Vielleicht liegt es ja am Hotelbesitzer, der nicht wirtschaften kann, sein Hotel verkommen ließ, die Standards nicht mehr halten kann und schlechte Bewertungen hat, weil er jahrelang sein Hotel nicht gepflegt hat. Da gibt es vielfältige Gründe.
Überall auf der Welt gibt es die gleichen Leute, die nie zufrieden sind und jammern, und wie überall auf der Welt gibt es Menschen, die sofort Arbeit finden, weil sie das wirklich wollen, weil sie flexibel sind. Und es gibt auch Faulpelze, die notorisch jammern, wie sch…e doch ihr Leben und ihr Land ist.
Da gibt es keine Unterschiede zu den Deutschen, nur dass unsere Faulpelze kein Hartz IV bekommen und selber sehen müssen, wo sie bleiben, notfalls unter der Brücke – ich habe hier aber noch keine Obdachlosen unter unseren Brücken gesehen. Notfalls jobbt man sich von einem Arbeitgeber zum anderen oder man schlüpft bei Familie oder Freunden unter, die es schon Jahre gewöhnt sind, wenn es wieder heißt, ich habe gekündigt, weil der Job sch…e war. Es ist nun mal so, es sind auch immer dieselben.
Alle fleißigen Türken, die ich kenne, haben jahrelang ihre Geschäfte und sind nicht pleite, weil sie ihr Handwerk verstehen und etwas gelernt haben. Und alle, die ich kenne, die ohne Pause seit 20 Jahren jammern und lamentieren, fangen jede Saison Jobs an, um nach drei Monaten freiwillig wieder zu gehen , weil es angeblich nichts war, weil angeblich die Bezahlung nicht stimmte usw. Die ewigen Ausreden, die jeder hier kennt, wenn immer bestimmte Pappenheimer denken, dass sie ohne Schulabschluss und ohne Ausbildung mehr verdienen könnten wie der Chef im Unternehmen. Immer sind die anderen schuld, man selbst ist es nie.
Seit ich in unserer Region lebe und das ist sehr lange, höre ich jede Saison, wie schlecht die Geschäfte in einem kleinen Stadtteil von uns am Strand laufen, in dem es seit 20 Jahren schon immer 5 ausländische, All-Inclusive-Luxushotels gab und die Leute nur am Markttag zum Einkaufen in den Ort gehen – und trotzdem sind  im nächsten Jahr alle Geschäftsbesitzer wieder da, zum Teil sogar mit erweiterten Geschäftsräumen, Investitionen in eigene Ladengeschäfte oder in wesentlich teureren, gemieteten Ladengeschäften – wie kommt’s?
Und trotzdem wird weiter gejammert, wie jedes Jahr und auf eine bessere neue Saison im nächsten Jahr gehofft. Das ist schon fast schizophren. Aber die Touristen, die sie mit ihrer alten Schallplatte volljammern, die glauben das, denn sie waren ja nicht jedes Jahr da oder kommen zum ersten Mal.
Wieso immer nur die türkischen Jammerlappen bei der deutschen Presse Gehör finden, kann man sich vorstellen.
Was man selbst in Deutschland in Form von Obdachlosen oder Rentnern hat, die ihr Essen aus den Abfallcontainern der Supermärkte nehmen und dafür noch bestraft werden, das verschweigt man lieber in Deutschland, dafür ist dann der Fingerzeig auf völlig hirnrissige ”Missstände” der Türkei gerade recht. So lenkt man die Menschen von den Problemen im eigenen Land ab, die jetzt nach den Wahlen mehr als offensichtlich wurden.
Uns Firmeninhabern in der Türkei an der Küste, die zwar auch so ihre Problemchen haben, es mal rauf, mal runter geht, wie überall auf der Welt, die werden nicht gefragt. Ich für meinen Teil habe es, vor zehn Jahren schon, nach zig Versuchen von VOX- oder RTL-Redakteuren geschafft, meine Ablehnung per E-Mail nach Fragen zu Interviews so deutlich zu formulieren, dass mich niemand mehr behelligt.
Auch vor drei Jahren hätte ich die Möglichkeit gehabt, zusammen mit einer in Deutschland beheimateten und bekannten, türkischen Schauspielerin und Buchautorin, die mich zwei Wochen hier besuchte, in der ARD zu erscheinen. Aber ich habe ebenfalls abgelehnt, da es zu der Zeit schon offensichtlich war, wie einem durch geschnittene Filmchen, das Wort im Mund herumgedreht werden kann. Ich werde definitiv nie im Fernsehen erscheinen, ich habe daran kein Interesse.
Denn das Letzte wäre für mich, am Ende einen zusammengeschnittenen Clip zu sehen, in dem die Geschichte anders verstanden wird, als sie ist.  Mein Bauchgefühl hat mich noch nie im Stich gelassen, und ich hatte damals schon den richtigen Riecher, mich nicht mit deutschen Fernsehsendern einzulassen.
Ich habe das bei anderen, die ich kenne, so oft beobachtet und nach einem überraschenden Anruf im Jahr 2008 von RTL, die angeblich interessiert an uns und dem Leben in der Türkei waren und meinten, das wäre doch eine tolle Werbung für unsere Firma, habe ich gesagt, ok, ich möchte aber das Konzept sehen, bevor ich mich entscheide. Beim nächsten Anruf von RTL hörte ich dann, dass die Redaktion nicht an Leuten interessiert ist, die es in der Türkei geschafft haben und sie deswegen auch ihre Idee nicht umsetzen kann. Da war mir klar, wie der Hase läuft im deutschen Sender. Das war noch lange bevor dieses elende Türkeibashing los ging. Ganze fünf bis sechs Jahre vorher.
Natürlich sind es dann gerade in  der ganzen Antalya-Region mehr Betroffene, weil diese Provinz fast ausschließlich auf Tourismus ausgerichtet ist. Aber auch diese Unternehmer, wenn sie schlau sind, verlassen sich nicht einfach darauf, dass der Deutsche aufwacht, sondern versuchen, anderes Klientel zu bekommen, das dann ersatzweise kommt. Dass das nicht einfach ist, das ist jedem bewusst.
Manchmal habe ich so das Gefühl, dass die meisten, die in Deutschland Chips futternd auf ihrer Couch in die Glotze kucken, von ihren vielen Fernsehprogrammen (ich alleine habe in der Türkei 5000 davon über Satellit) nur wenige nutzen. Man beschränkt sich auf die deutschen Programme, man könnte auch internationale über Internet empfangen, doch das scheint nicht interessant zu sein.

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