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Kommentar
Die USA, der IS und Saudi-Arabien

Das suspendierte Einreiseverbot aus islamischen Ländern, nicht aber aus Saudiarabien, spiegelt historische Machtinteressen der USA. Ein Kommentar.

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(Foto: AA)

Von Ernst Wolff

Wie sein Vorgänger Obama hat auch US-Präsident Trump die Vernichtung des IS (Daesh) zu einer seiner vordringlichsten Aufgaben erklärt. Die Mitglieder der Terrororganisation müssten «ausradiert werden und von der Oberfläche der Erde verschwinden». Ihre Verbrechen seien so schwerwiegend, dass auch der Einsatz von Folter gegen sie gerechtfertigt sei.

Wie bereits sein Vorgänger Obama hat Präsident Trump weder im Wahlkampf noch seit seiner Amtseinführung auch nur ein einziges Wort gegen das Herrscherhaus in Saudiarabien gerichtet, obwohl dessen systematische Menschenrechtsverletzungen mit denen des IS verglichen werden können. Unter dem Regime des Hauses von Saud sind die Amputation von Gliedmassen, das Köpfen, das Erhängen und die Steinigung als Strafe für Vergehen gegen die fundamentalistisch ausgelegten Vorschriften der Scharia an der Tagesordnung.

Dass die USA den IS und das saudische Königshaus unterschiedlich behandeln, hat seinen Grund: Saudiarabien ist seit Jahrzehnten der engste Verbündete der USA im Nahen Osten und geniesst deshalb trotz aller Verbrechen Washingtons uneingeschränkte Solidarität.

Interessant ist neben der doppelten Moral, die sich hinter dieser Politik verbirgt, die Tatsache, dass der IS und Saudiarabien ausser ihrem religiösen Fanatismus und ihrer Verachtung für die Menschenrechte eine entscheidende Gemeinsamkeit aufweisen: Beide wären ohne das Mitwirken der USA nicht zu dem geworden, was sie sind. Ausserdem besteht zwischen beiden eine aufschlussreiche Wechselbeziehung.

Saudiarabien – Seit Jahrzehnten wichtigste internationale Stütze des US-Dollars

Das 1932 gegründete Saudiarabien ist nicht nur wegen seiner riesigen Erdölvorkommen einer der weltweit wichtigsten Verbündeten der USA. Es ist seit der Mitte der Siebziger Jahre einer der Eckpfeiler des vom US-Dollar beherrschten globalen Finanzsystems.

Nach der Aufhebung der Bindung des Dollarwerts an das Gold im Jahre 1971 und dem Ende der festen Wechselkurse 1973 geriet die Rolle des US-Dollars als Weltwährung Nr. 1 in Gefahr. Zwar hatte er seinen Status als Leitwährung seit der Konferenz von Bretton Woods (1944) bis in die letzten Winkel der Erde durchsetzen können, doch seine Entkoppelung von einem festen Wert – dem Gold – hatte ihn zu einer «Fiatwährung» (einer ungedeckten Währung) und damit zu einem schwer kalkulierbaren Risiko fürs globale Finanzsystem gemacht.

Um diesen Zustand zu beenden, schlossen die USA Mitte der Siebziger Jahre ein historisches Abkommen mit Saudiarabien: Dessen Herrscherhaus wurde von den USA verpflichtet, innerhalb der OPEC (Organisation erdölexportierender Länder) dafür zu sorgen, dass Erdöl – die weltweit meistgehandelte Ware – nur noch in US-Dollar gehandelt wird (der sogenannte «Petro»-Dollar). Ausserdem sollte es die eigenen Dollar-Überschüsse fortan als Staatsanleihen in den USA investieren. Im Gegenzug garantierten die USA dem Herrscherhaus von Saud Schutz vor seinen Feinden (im Ausland insbesondere vor Israel, Syrien und dem Iran, im Inland vor den eigenen Untertanen) und fast unbegrenzte Waffenlieferungen.

Für die Finanzelite der USA war es in dreifacher Hinsicht ein lukrativer Deal: Erstens sorgte die Bindung des Öls an den US-Dollar dafür, dass dem Dollar neben seiner Rolle als globale Leitwährung auch noch die – viel wichtigere – Rolle der globalen Reservewährung zufiel. Da sämtliche Länder der Erde auf Öl als Energieträger angewiesen sind, müssen seither fast alle über ausreichende US-Dollar-Reserven verfügen. Zweitens spülten die saudischen Käufe von Staatsanleihen Billionenbeträge in die US-Staatskasse, die wesentlich zur Führung weiterer Kriege (z.B. in Afghanistan, Pakistan, Somalia, Libyen, Syrien, Jemen) genutzt werden konnten. Und drittens erhielt die US-Rüstungsindustrie durch den Pakt einen ihrer zahlungskräftigsten Dauerkunden.

Für das Herrscherhaus von Saud hat sich der Deal ebenfalls gelohnt: Bis an die Zähne bewaffnet und mit der stärksten Militärmacht der Erde im Rücken konnte es mit der Ausbeutung von neun Millionen unterbezahlten und zum Teil unter katastrophalen Verhältnissen lebenden Fremdarbeitern weiterhin ungestört sagenhafte Reichtümer anhäufen und gleichzeitig jegliches Aufbegehren gegen die eigene mittelalterliche Herrschaft gewaltsam im Keim ersticken.

Die Verbindung zwischen den USA und Saudiarabien kennt also zwei Gewinner: Die Finanzelite der USA und das Herrscherhaus der wohl rückständigsten absoluten Monarchie auf der Erde.

Der IS entstand auch mit Hilfe der USA

Der IS, zeitweilig auch als ISIS (Islamischer Staat in Syrien) bekannt, ist nicht einfach eine Folgeerscheinung eines ausser Kontrolle geratenen Bürgerkrieges in Syrien. Der IS ist wesentlich das Produkt eines von den USA geförderten Versuchs des Regime-Wechsels in Damaskus. Zwar hat dessen Geschichte mit inneren Auseinandersetzungen in Syrien begonnen, doch wären diese ohne das Eingreifen der USA und ihrer Verbündeten längst versiegt und versandet.

Das syrische Assad-Regime ist den USA seit langem ein Dorn im Auge. Als Verbündeter des Iran und der Hisbollah-Bewegung und wegen seiner politischen Nähe zu Russland und China steht es dem Versuch der dauerhaften Unterwerfung des ölreichen Nahen Ostens unter die geo-strategischen Interessen der USA, unter anderem dem Bau von Pipelines im Weg. Aus diesem Grund bemüht sich Washington seit längerem um den Sturz der politischen Führung des Landes.

So lange aber dieses Ziel, ein pro-westliches Regime in Damaskus zu installieren, nicht zu erreichen ist, verfolgen die USA ihre seit mehr als einem Jahrhundert bewährte Strategie der Destabilisierung und unternehmen alles, was in ihrer Macht steht, um dem bestehenden Regime zu schaden. Dazu gehört in erster Linie die Förderung all der Kräfte, die gegen Präsident Assad kämpfen.

Dabei ist es den USA ziemlich gleichgültig, welchen politischen Hintergrund die von ihnen unterstützten Gruppierungen haben. So haben sie neben der Freien Syrischen Armee auch radikal-islamische Gruppierungen wie Al Nusra sowie den im Irak gegründeten ISIS im ihrem Kampf gegen Assad unterstützt. Und das, obwohl ISIS sich zu Beginn seiner Aktivitäten hauptsächlich aus Mitgliedern der Al Qaida rekrutierte – also der Organisation, die von Washington für die Anschläge vom 11. September verantwortlich gemacht wird.

Die doppelte Spiel, das die USA in Syrien treiben, hat damit einen Hintergrund, der uns wieder zu ihrem wichtigsten Verbündeten, Saudiarabien, führt: Der Krieg, den die Sowjetunion 1979 zur Unterstützung eines ihr gewogenen Regimes in Afghanistan begonnen hatte, führte nämlich dazu, dass sich radikal-islamische Kräfte (Mudschaheddin und Islamische Brigaden Afghanistans) gegen die russischen Angreifer formierten. Diesen Widerstand griffen die USA mit Hilfe der CIA auf und unterstützten die Bildung der Al Qaida, die damals aus diesen radikal-islamischen Kräften hervorging. Langjähriger Führer der Al Qaida und Verbündeter der USA war ein milliardenschwerer saudi-arabischer Bauunternehmer namens Osama bin Laden.

Der wahre Grund für das Doppelspiel: Geld, Macht und das globale Finanzsystem

Nach ideologischen oder gar moralischen Gründen für die Politik der USA und ihrer Verbündeten im Nahen Osten zu suchen, ist vergebene Mühe. Es geht Washington beim Wechsel zwischen Allianzen und Feindschaften in erster Linie um Geld, Öl und geopolitische Macht.

Eine besondere Rolle fällt hierbei den grossen Medien zu, die im Wesentlichen dem jeweiligen (und sich oft selbst widersprechenden) Kurs der US-Regierung folgen. Es fällt beispielsweise auf, dass über die Unmenschlichkeit des Herrscherhauses nur selten informiert wird, über den Krieg gegen den Nachbarstaat Jemen wird nur spärlich berichtet, und Tatschen wie die, dass 15 der 18 Terroristen bei den Anschlägen auf das World Trade Center saudiarabische Staatsbürger waren, werden grosszügig übergangen.

Aktuellster Beweis für die Sonderbehandlung Saudiarabiens: Donald Trump hat beim Einreiseverbot für Angehörige muslimischer Staaten ausgerechnet Saudiarabien ausgenommen.

Das Einreiseverbot für Menschen aus sieben armen muslimischen Ländern verhindert keine Anschläge, sondern bereitet den Boden für solche Anschläge. Mit den Anschlägen wiederum wird auch in Zukunft die Kriegspolitik im Nahen Osten gerechtfertigt.

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Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches “Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs“, erschienen im Tectum-Verlag, Marburg.

Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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