Start Panorama Gesellschaft Türken-Bashing als Kavaliersdelikt Kommentar: „Lasst uns den Hetzern das Fundament entziehen“

Türken-Bashing als Kavaliersdelikt
Kommentar: „Lasst uns den Hetzern das Fundament entziehen“

"Lasst es uns leben. Lasst uns etwa Alltags-Kurdisch lernen oder ein Cem-Haus besuchen. Wir wachsen gemeinsam auf, spielen Fußball, gehen in dieselben Schulen, hören die gleiche Musik, stehen in einer Reihe, wenn wir uns in der Millenium City Recep Ivedik 5 ansehen wollen. Sagen wir also nicht nur, dass wir Geschwister sind", so der Journalist Aksak in einem Kommentar.

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(Symbolfoto: trt)

Von Ruşen Timur Aksak

Liebe Leute, ich bin krank. Aber nicht nur ich, wir alle. Wir Türkischstämmigen haben kranke Seelen – vergiftet von Rassismus, Nationalismus, Islamismus und was-weiß-ich-Ismus. Zumindest sagt das ein junger Mann auf der Pinnwand der grünen Abgeordneten Berivan Aslan. Türken-Bashing als Kavaliersdelikt.

Aber ich bin dennoch dankbar, dankbar für diese schonungslose Ehrlichkeit des jungen Mannes. Denn ihr müsst wissen – falls ihr das Drama um Fr. Aslans Aktivitäten nicht mitbekommen habt – ich habe es gewagt zu fragen, ob ein Vortrag unter dem Titel “Referendum im Ausnahmezustand” zusammen mit zwei Abgeordneten der türkischen CHP-Partei nicht doch als reine Wahlkampfveranstaltung zu werten sei.

Ich konnte ja nicht ahnen, in welches Hornissennest ich damit gestochen hatte. Vom Vorwurf des Faschismus, Rassismus und was-weiß-ich-noch-Ismus abgesehen haben Aslan-Sympathisanten etwa den ATV-Programmchef (der Ober-Chef sozusagen) angeschrieben und mich angeschwärzt. Und Nein, das machen keine bösen FPÖler, sondern selbsternannte Hüter von Demokratie und Medienfreiheit. Ja, lachhaft, eh.

Man wollte und will mich also mundtot machen, damit ich gar keine Fragen mehr stelle oder in Zukunft eingeschüchtert in der Ecke kauere. Die angewandten Methoden verraten allerdings über die Urheber sehr viel mehr, als ihnen selbst bewusst sein dürfte. Zeugt es doch von einer offen undemokratischen Haltung: Jeder, der uns kritisiert, muss politisch, medial und beruflich angegriffen werden. So handeln keine Demokraten. Der Grazer SPÖ-Politiker Mustafa Durmus muss gerade am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn man sagt, dass man keine Terror-Symbole und Terror-Sympathisanten der PKK in Österreich haben will. Denn um diese Leute geht es am Ende.

Verrückt, nicht wahr? Man soll sich dafür rechtfertigen, dass man keine Gruppen und Leute dulden will, die sich nicht klar von politisch motivierter Gewalt und Totalitarismus distanzieren können. Diese kleine radikale, (“links”)nationalistische Polit-Sekte hält nicht nur die kurdisch-stämmigen Menschen mit ihren üblen Machenschaften in Geiselhaft, sondern die ganze Türkei-stämmige Gemeinde in Österreich. Das darf man nicht mehr zulassen.

Ich will ehrlich zu euch sein. Irgendwann wird es mich erwischen. Vielleicht morgen, vielleicht in einem Jahr. Irgendwann werde ich meinen Job verlieren, weil der Druck zu groß geworden sein wird. Ich werde nicht gefeuert werden, weil ich faul, undiszipliniert oder einfältig war, sondern weil die konzentrierten Angriffe auf mich Früchte tragen werden. Ich mache mir da keine Illusionen, dafür ist diese Polit-Sekte bei uns zu gut organisiert und vernetzt. Doch das ist es mir wert. Denn Gewissensbisse wiegen schwerer als Arbeitslosigkeit.

Aber ich habe eine Bitte an euch. Ich weiß, der Druck auf die Austro-Türken im Land ist selten gering und in diesen Tagen geradezu überwältigend. Man will so viel sagen, richtig stellen, aufbegehren und hat doch so wenig Möglichkeiten dazu. Das frustriert, macht wütend. Und dennoch. Es wird an euch liegen dieser Polit-Sekte die Nahrung zu entziehen. Sie sind wie Feuer. Wenn man das Feuer nicht nährt, wird es erlöschen. Je mehr Konflikte zwischen Kurden und Türken, zwischen Aleviten und Sunniten, zwischen Säkularen und Religiösen existieren, umso mehr Nahrung bekommt diese Gruppe. Sie lebt von unserem Leid.

Sagen wir also nicht nur, dass wir Geschwister sind. Lasst es uns leben. Lasst uns etwa Alltags-Kurdisch lernen oder ein Cem-Haus besuchen. Wir wachsen gemeinsam auf, spielen Fußball, gehen in dieselben Schulen, hören die gleiche Musik, stehen in einer Reihe, wenn wir uns in der Millenium City Recep Ivedik 5 ansehen wollen. Wir tun es ja bereits, aber leben wir es wirklich. Rümpfen wir nicht mehr die Nase, wenn uns ein kurdischer Freund von Rassismus in der Türkei erzählt. Bitten wir unsere alevitische Nachbarin uns zu einer Semah mitzunehmen. Das sind wir einander einfach schuldig.

Denn wenn wir das schaffen, werden wir diesen Üblen das Fundament entziehen. Und uns endlich gemeinsam um die Probleme in unserer Heimat kümmern können: Diskriminierung in Schule und Beruf, schlechtere Jobchancen, rassistische Polizeiarbeit und vieles, vieles mehr. Aber wem erzähl ich das. Ihr kennt es, wisst es. Die beste Rache an diesen Hetzern und Verleumdern ist also, wenn wir zeigen, dass sie am Ende nur eine verzweifelte, traurige Truppe von Irregeleiteten sind.

Das ist meine aufrichtige Bitte.

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Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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