Interview Schweizer Politikerin Kösecioğulları: “Ich baue Brücken”

Interview
Schweizer Politikerin Kösecioğulları: “Ich baue Brücken”

Alime Kösecioğulları ist eine Frau, sie stammt aus der Türkei und sie ist praktizierende Muslima. Das sind in der Deutschschweiz gleich drei Nachteile. Doch die mutige Politikerin macht daraus einen Vorteil. Sie kandidiert jetzt für das Parlament des Kantons Aargau. Im NEX24-Interview spricht sie über den Putsch in der Türkei und die Politik in der Schweiz.

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(Foto: Köseciogullari)

Frau Kösecioğulları, als schweizerisch-türkische Doppelbürgerin erleben Sie hautnah die heftige Kritik an der Türkei und am Islam. Was wollen Sie als Politikerin dagegen tun?

Wir leben gerade in einer Zeit, wo sich die Gräben vertiefen. Ich baue Brücken, damit wir gemeinsam faire Lösungen für ein friedliches Zusammenleben finden.

Wie bewerten Sie den missglückten Putsch in der Türkei?

Ich war am 15. Juli mit meiner Familie im Urlaub bei Verwandten in der Türkei. Ich habe damals dem Lokalradio ein Interview gegeben und wiederhole, was ich gesagt habe: Wieso zeigt in der Schweiz niemand Mitleid mit Menschen die unter Panzern gestorben sind, Menschen die einfach erschossen wurden, Polizisten die gestorben sind und bemitleidet die Täter? Ich bin klar gegen die Todesstrafe aber die Täter sollen bestraft werden. Wer gehofft hat, dass der Putschversuch ein Erfolg wird ist nicht besser als die Putschisten.

Sie sind daraufhin in der Schweiz als Erdogan-Versteherin heftig angegriffen worden. Sind Sie Erdogan-Anhängerin?

Ich bin erstaunt über die vielen neuen Türkeiexperten die vor kurzer Zeit vielleicht nicht einmal wussten wo die Türkei ganz genau ist! Ich habe Erdogan nicht gewählt sondern die Opposition aber ich nehme den gewählten Präsidenten der Türkei in Schutz gegen primitives Bashing.

Sie sind Sozialdemokratin geworden, warum?

Ich bin bei der SP weil wir für soziale Gerechtigkeit sind, uns gegen Rassismus einsetzen, Bildung gross geschrieben wird, und weil wir Wert auf Chancengleichheit in allen Bereichen legen.

Sie wollen vor allem die MigrantInnen vertreten?

In der Schweiz haben 25% Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund  und leider sind wir im Parlament fast nicht vertreten. Weil ich einen türkischen Hintergrund habe, möchte ich die Stimme von MigrantInnen im Grossen Rat meines Heimatkantons Aargau sein. Ich werde mich für das Wohl von uns allen einsetzen weil ich aus eigenen  Lebenserfahrungen unsere Sicht besser vertreten kann.

Sie sind praktizierende Muslima, wie sehen Sie den heutige Islamfeindlichkeit in der Schweiz?

Ich engagiere mich seit vielen Jahren für interreligiöse und interkulturelle Begegnungen. Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht, unsere Gemeinsamkeiten entdeckt, unsere Kulturen kennengelernt und mit Argumentieren viele Vorurteile abgebaut. Einige  Beispiele: unsere Freunde wissen, dass wir radikalisierte Gruppen, die unseren Glauben missbrauchen genauso verachten wie sie, und dass auch Muslime ihre Frauen überall unterstützen. Es gibt keine schlechte Religion oder Nation, es gibt schlechte Menschen die ihre Religionen und Nationalitäten für ihren Machtkampf missbrauchen.

Frau Kösecioğulları, Sie tragen kein Kopftuch?

Ich erfülle meine religiösen Pflichten, halte jedoch das Tragen des Kopftuchs für keine religiöse Pflicht. Ich kämpfe aber dafür, dass muslimische Frauen sich anziehen dürfen wie sie es wollen.

Hand auf´s Herz – werden Sie von Ihrem muslimischen Ehemann unterstützt?

Mein Mann stammt ebenfalls aus der Türkei und steht hundertprozentig hinter mir. Er unterstützt mich nicht nur, er motiviert mich auf meinem politischen Weg weiter zu gehen. Das macht mich stark und ermöglicht mir neben der Familie auch Zeit für die Politik zu haben.

Der Islam ist in der Schweiz noch immer keine anerkannte Religion. 

Ich halte es mit unserem SP-Vorsitzenden Christian Levrat. Er sagte jüngst, es wäre die beste Lösung wenn der Islam in der Schweiz anerkannt wird. Dann wäre alles transparent und es können keine diskriminierenden Initiativen gegen Muslime gestartet werden. Gleichberechtigung für alle würde für die Integration sehr hilfreich sein. Aber ausgerechnet die Christliche Volkspartei CVP wehrt sich heftig dagegen und natürlich ist die SVP dagegen.

Aktuell wird in der Schweiz ein Burkaverbot diskutiert. Auch Teile Ihrer Partei befürworten das Verbot.

Ich unterstütze den Offenen Brief der Präsidentin unserer Jungsozialisten, Tamara Funiciello, an die HeuchlerInnen der Schweizer Politik, welche uns lieber Kleidervorschriften machen und überwachen möchten, statt echte Lösungen zu bringen.

Aber da gibt es doch den einflussreichen Sicherheitsdirektor des Kantons Zürich von der SP, der auch für das Burkaverbot wirbt?

Mario Fehr soll sich um wichtigere Angelegenheiten kümmern statt mit der rechten Ecke zu kooperieren. Ein Waffenausfuhrverbot wäre als Signal wichtiger als ein Burkaverbot.

Die Befürworter sagen, das Burkaverbot sei ein deutliches Signal an die Islamisten. 

Mein Parteifreund Cédric Wermuth erinnerte daran wie man uns glauben machen wollte, das Minarettverbot sei ein „Bollwerk“ gegen den politischen Islam? Fakt ist: Die fundamentalistischen Spinner haben seither hierzulande mehr Zulauf denn je.

Besonders absurd ist es aber, wenn die Rechte jetzt das Verbot im Namen der Menschenrechte fordert. Noch vor ein paar Monaten hat das Parlament die Exportvorschriften für Kriegsmaterial gelockert. Der Ruf nach einem Burkaverbot im Namen dieser Rechte ist also pure Heuchelei.

Frau Kösecioğulları, in Facebook posten Sie auch in Türkisch und werden deshalb heftig attackiert. 

Ich bekomme privat Nachrichten von FreundInnen aus der Türkei, die mich bitten meine Beiträge auch in Türkisch zu schreiben weil sie diese auch verstehen wollen. Im Moment ist es mir nicht möglich alles in zwei Sprachen zu schreiben. Ich muss hier argumentieren. Hier in der Schweiz muss ich die Türkei verteidigen, im Urlaub in der Türkei habe ich die Schweiz verteidigt. Nur ein kleiner Teil der Schweizer sind Rassisten.

Manche komplexen politischen Fragen will ich den Migranten mit türkischem Hintergrund auch in unserer Muttersprache erklären damit Sie diese besser verstehen. Das dient doch der Integration, oder nicht?

Sie sind im Internet sehr aktiv, Frau Kösecioğulları, und wehren sich in Facebook gegen Migranten- und Flüchtlingshetze. 

Es existieren unglaublich viele Falschmeldungen, mit denen versucht wird, die Leute gegen Migranten aufzuhetzen sowie Hass und Angst zu erzeugen. Leider fällt ein grosser Teil der Menschen darauf herein und verbreitet diese fiese Hetze immer weiter! Ich sage auf Facebook: Bitte seid kritisch und schaut euch die Quelle dieser Hetzschriften genauer an!

Haben Sie einen Leitspruch?

Das Sprichwort von Franz Kafka gefällt mir sehr gut. „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“. Das benutzte jüngst die Landammanin des Aargau, Susanne Hochuli, als sie uns Frauen ermutigte politische Ämter zu übernehmen.

Frau Kösecioğulları, danke für das Gespräch. Viel Erfolg bei den Grossratswahlen!

 

Das Interview führte Peter Z. Ziegler

 

 

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