NEX24-Interview Musikwissenschaftlerin Sinsch: “Man hielt mich für eine AKP-Agentin”

NEX24-Interview
Musikwissenschaftlerin Sinsch: “Man hielt mich für eine AKP-Agentin”

Ich habe mich in der Türkei wohl gefühlt und wollte einfach nur in Ruhe meine Arbeit machen. Schon paradox, dass ich mit meiner Spezialisierung auf Osmanisches ausgerechnet in der Türkei durch fachfremden Unterricht so abgestraft wurde. Aber solange man nicht "Herr Erdogan ist an allem schuld!" durch die Gegend schreit, wird man in Deutschland nicht angehört.

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(Foto: pd)

Exklusiv in NEX24: Eine deutsche Dozentin packt über ihre Jahre an einer Istanbuler Uni aus

Berlin (nex) – Musikdozentin Sandra Sinsch stammt aus Saarbrücken. Vielfach mit Preisen ausgezeichnet, spezialisierte sich die Oboistin nach einer Tätigkeit in einem deutschen Staatsorchester auf osmanische Einflüsse in der westlichen Musik. Das zeigt sich sowohl in ihren Forschungsarbeiten als auch auf der Konzertbühne.

Mit ihrem Ensemble Alla Turca Kollektif ist Sinsch international unterwegs, hat vielfach in Rundfunk- und Fernsehinterviews auf die musikalischen Querverbindungen zwischen Orient und Okzident aufmerksam gemacht. Erst kürzlich wurde ein Konzert des Ensembles im WDR übertragen. Im Jahr 2011 zog die Musikerin nach Istanbul, wo man ihr eine Stelle als Dozentin am Staatskonservatorium für Türkische Musik der Technischen Universität (ITÜ) angeboten hatte.

Was die Erfüllung eines Traums im Dienste der Musik und ihrer völkerverbindenden Wirkung hätte werden können, endete jedoch als abschreckendes Beispiel für ein Paralleluniversum innerhalb des staatlichen Bildungswesens. Diejenigen, die Sinsch drangsaliert haben, stammen jedoch nicht aus dem Lager der Regierungspartei AKP. Sandra Sinsch sprach über ihre Erfahrungen mit NEX24.

Als deutsche Musikerin mit Interesse für osmanische Musik hat man ein Schwerpunktgebiet, das nicht alltäglich ist. Wie ist es zu Ihrem Engagement in Istanbul gekommen?

Sandra Sinsch: Mein Forschungsgebiet ist sehr selten, aber hochinteressant. Die Musik im Westen hätte sich ohne die Einflüsse zuerst aus dem arabischen und später dem osmanischen Kulturkreis nicht so entwickelt, wie wir sie heute kennen. Um ein ganz einfaches Beispiel zu geben:

Fast jedes europäische Instrument ist aus einem orientalischen Vorbild entstanden, und Blaskapellen, wie wir sie heute in Deutschland sehen, würden ohne die Einflüsse der so genannten Janitscharenkapellen ganz anders aussehen. Der Orient hat den Westen musikalisch mehr geprägt, als man es in Europa zugeben möchte. Ich forsche in diesem vernachlässigten Bereich der Musikgeschichte und bringe die Ergebnisse nicht nur zu Papier, sondern auch auf die Konzertbühne. Dazu gehört auch, heute vergessene osmanische Instrumente zu rekonstruieren und wieder zum Klingen zu bringen.

Denn die Beschreibungen europäischer Reisender und Forscher ins Osmanische Reich liefern uns wertvolle Anhaltspunkte. Nach Istanbul zu gehen war daher konsequent, und ich habe der Einladung der damaligen Vizerektorin des Konservatoriums gerne Folge geleistet. Istanbul steht für das, was ich künstlerisch und akademisch bin: mit einem Bein im Orient, mit einem Bein im Okzident.

Mit diesem Hintergrund sollte es doch eine Freude sein, diese Arbeit anzutreten. Was waren denn Ihre ersten Eindrücke?

Sinsch:  Es gibt für Ausländer eigene Stellen an türkischen Universitäten, die von der obersten Bildungsbehörde in Ankara (YÖK) freigegeben werden müssen. Das ist ein ziemlicher Papierkrieg. Formulare müssen ausgefüllt und Diplome übersetzt und beglaubigt werden. Das Verwaltungspersonal war leider überhaupt nicht hilfsbereit, mir wurde noch nicht einmal gesagt, wie ich eine Wohnung finden könne. Nach Ankunft zog ich daher mit meinem Koffer und den Instrumenten durch Üsküdar, das mir bei vorherigen Aufenthalten gefallen hatte, und klapperte die Makler ab.

Wenig später wies man mich an, eine Art Bittgesuch aufzusetzen, damit meine Arbeit beginnen könne. In der Türkei schreibt man ständig Bittgesuche aller Art, und ich war der Meinung, dass das alles so seine Richtigkeit haben und eine staatliche Universität mit allen Prozeduren vertraut sein würde. So tauchte ich dann Anfang 2012 das erste Mal offiziell in den Unterrichtsplänen auf.

Ein solcher Formalismus ist ja ärgerlich, an einer staatlichen Universität aber wohl meist unumgänglich. Wie ging es dann weiter?

Sinsch: Ich musste sowohl auf Englisch als auch auf Türkisch unterrichten. Türkisch war am Anfang extrem hart, da meine Sprachkenntnisse noch sehr gering waren. Die Studenten haben großartig reagiert und schnell gemerkt, dass die Deutsche zwar einen lustigen Akzent hat, ihnen aber neue Dinge zu erzählen hat.  Die Kollegen waren, bis auf meine Vorgesetzte, extrem abweisend. Türen wurden eiligst geschlossen, wenn ich um die Ecke kam und Unterhaltungen verstummten. Es dauerte knapp zwei Jahre, bis der Letzte im Institut meinen Gruß erwiderte.

Das war für mich ein totaler Schock. Ich habe viele deutsch-türkische Freunde und deren Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft war für mich mit ein Grund, diese große Liebe zur Türkei zu entwickeln.  Erst viel später habe ich erfahren, dass die Feindseligkeit der Kollegen darin begründet war, dass man glaubte, ich sei als Agentin von einem ausländischen Geheimdienst oder ersatzweise der regierenden Partei AKP ins Institut eingeschleust worden.

Scheinbar findet es eine bestimmte intellektuelle Elite in der Türkei leichter, die Existenz eines Ausländers im Fachbereich mit einer kruden Verschwörungstheorie zu erklären, als mal darüber nachzudenken, dass die akademische Welt generell international aufgestellt ist. Wie tief dieses Misstrauen wirklich saß, habe ich leidvoll erfahren, als ich das total heruntergekommene Institutsarchiv anfing, aufzuräumen. Da lagen Handschriften in osmanischer Sprache völlig chaotisch, dem Verfall preisgegeben, in der Gegend herum. Da blutet einem als Wissenschaftler das Herz, aber so ein Donnerwetter will ich in meinem Leben kein zweites Mal erleben, mir wurde unterstellt, Kulturschätze an mich nehmen zu wollen.  Im Sommer 2012 kam übrigens erst der offizielle Brief des Bildungsministeriums mit meiner Arbeitserlaubnis, die Rückschlüsse über meinen Status im vorausgegangenen Semester als Ausländer an einer staatlichen Universität kann dann jeder selbst ziehen.

Das klingt richtig schockierend. Aber es soll ja auch, wie Sie angedeutet haben, inhaltlich die eine oder andere Unwägbarkeit gegeben haben…

Sinsch: Die damalige Vizerektorin hatte mich nach Istanbul geholt, um sowohl mein Instrument Oboe als auch historische Musik und Musikgeschichte zu unterrichten. Ich habe ja auch eine Spezialisierung in alter Musik und ihrer Rekonstruktion, so einen Ausbildungsgang gibt es nicht in der Türkei, aber man kann die Arbeitstechniken sehr gut auf osmanische Musik übertragen, da ist ja seit Gründung der Republik sehr viel Wissen verloren gegangen, und wir wollten neue Akzente setzen. Im Sommer 2012 gab es einen Wechsel im Rektorat. Mein Instrument Oboe durfte ich nicht unterrichten.

Man hatte mich zwar auch dafür angestellt, um den Ausbildungsgang mehr dem internationalen Niveau anzupassen, bezahlte aber lieber zusätzlich eine geringer qualifizierte lokale externe Lehrkraft. Ich wurde angehalten, Bittgesuche zu schreiben, die positiv beschieden wurden und man erklärte mir, den Unterricht für Oboe übernehmen zu dürfen, sobald Bedarf bestehe. Da ich nicht gerade ein geringes Gehalt bezog, sind die Zusatzkosten für eine externe Lehrkraft eine krasse Verschwendung von staatlichen Geldern meiner Meinung nach. Einmal abgesehen von der Demütigung, darum bitten zu müssen, seinen Job machen zu dürfen.

Da ich der Musikwissenschaft zugeteilt war und die Vizerektorin dort am Institut meine Vorgesetzte blieb, konzentrierte ich mich auf meine Arbeit dort. Da gab es sehr viel zu tun. Es gibt ein türkisches Sprichwort das sagt “Sabrın sonu selamettir” – mit der Geduld kommt der Segen. Die Uhren in der Türkei ticken einfach anders und ich habe nicht diese westliche Kolonialherrenmentalität wie viele Ausländer, die meinen, den Türken dauernd erzählen zu müssen, wie der Hase zu laufen habe.  Ich habe blitzschnell die Sprache gelernt und mich stets an die lokalen Gegebenheiten angepasst, ich war also bestens integriert.

Was genau gab es denn in der Musikwissenschaft zu tun?

Sinsch: Zum einen habe ich für den Masterstudiengang einen neuen Kurs konzipiert, der die gesamten orientalischen Einflüsse auf die europäische Musik abdeckt, das ist nicht nur türkeiweit, sondern auch vielleicht weltweit einmalig, da wir da nicht nur trockene Theorie gemacht haben, sondern ich den Studenten auch gezeigt habe, wie man osmanische Musik anhand von westlichen Quellen rekonstruieren kann.

Es war einer der schönsten Momente meiner Tätigkeit dort, einen Studenten mit einer europäischen Quelle aus dem 18. Jahrhundert arbeiten zu lassen und zu sehen, wie da eine in den türkischen  Publikationen als verloren verzeichnete Melodie eines der Großmeister der osmanischen Musik wieder zu Leben erweckt werden kann. Auch in den Musikgeschichtskursen war viel zu tun. Atatürk hat ja damals die westliche Klassik sozusagen als Staatsziel in der jungen Republik proklamiert, das ging ja so weit, dass 1934 ein Sendeverbot für türkische Musik im Radio verhängt wurde und die Türken an ihren Geräten klebten, um wenigstens Radio Kairo hereinzubekommen, das ihre Musik weiter spielte.

Ich habe in Vorlesungen ja auch die kemalistischen Musikreformen auf dem Stundenplan gehabt. Als Deutsche, die mit den Aktivitäten der Reichsmusikkammer im Dritten Reich vertraut ist, hat es mich da streckenweise geschaudert, das gibt sich nichts. Publikationen auf Türkisch sind in der Regel sehr veraltet und immer noch vom Geist der Überlegenheit der westlichen Musik geprägt, damit wachsen die Studenten von der Grundschulzeit an auf. Sie kennen Beethoven und Mozart, aber nicht ihre eigene Musikgeschichte. Das ist immer noch alles ideologisch durchdrungen.

Ich habe die talentiertesten Saz- oder Udspieler gesehen, die ihre eigene Musik als qualitativ geringer einstuften. Ein Baum kann doch nur stark werden, wenn man seine Wurzeln pflegt, spezialisieren kann man sich später immer noch.  Ich habe also das orientalische Erbe in der westlichen Musik stärker in die Lehrpläne eingearbeitet, daneben auch die türkische Arbeitsgruppe RISM gegründet, das ist eine weltweite Datenbank, die Musikmanuskripte in ihrem jeweiligen Land aufspürt und verzeichnet.

Die Türkei war da bislang nicht Mitglied. Daneben habe ich Gastvorträge an anderen Universitäten gehalten, all dieses Wissen ist, wenn überhaupt, nur marginal in türkischer Sprache verfügbar. Da ich an einem Konservatorium für türkische Musik tätig war, wurde diese Überlegenheit der westlichen Musik dort nicht ganz so extrem propagiert wie an Hochschulen in der Türkei, die nur im europäischen Musikstil ausbilden. Der Geist, der dort weht, ist richtig krass: Westliche Klassik wird dort immer noch als Mittel gesehen, die Überlegenheit gegenüber dem “Anatolischen” herauszuarbeiten. Musik ist eine universale Sprache der Menschheit, keine ist besser als eine andere.

Das klingt doch gut und ist für eine Universität in der Türkei doch eine Riesenchance. Oder nicht?

Sinsch: Wir waren da auch auf einem ordentlichen Weg. Doch dann erkrankte meine Vorgesetzte schwer und musste beruflich kürzer treten. Ich bekam eine neue Institutsleiterin im Herbst 2014 und damit begann mein Martyrium. Mein Nutzen für das Institut wurde in Frage gestellt und ich wurde angehalten, ihr   aufzulisten, was ich studiert habe und was ich eigentlich unterrichten kann. Für das Sommersemester 2015 wurde mir der institutseigene Unterricht für deutsche und französische Sprache übertragen, der normal von Lehrkräften des Fremdspracheninstituts der ITÜ erteilt wird.

Die Übertragung des Deputats erfolgte mit dem Hinweis, ich könne das zwar ablehnen, aber ich wisse ja, dass im August wieder meine Vertragsverlängerung anstehe und am Institut gebe es sowieso zu viele Lehrkräfte. Aber ich könne ja jederzeit nach Deutschland zurückkehren. Istanbul war mir zur Heimat geworden, mein Ensemble ist dort ansässig und ich liebte meine Studenten, man geht nicht einfach mal so eben zurück, und ich hoffte, dass ich nur eine temporäre Lücke im Lehrplan stopfen sollte und nach einem Semester alles seinen gewohnten Gang gehen würde.

Sie sind eine studierte Musikerin, geht das denn so einfach, dass Sie an einer Universität Fremdsprachen unterrichten?

Sinsch: Das ist eigentlich ein Unding. Ich habe keinerlei Qualifikationen als Fremdsprachenlehrkraft. Ich habe unter anderem auch in Frankreich studiert und spreche fließend Französisch. In Deutschland weist man seine Fremdsprachenkenntnisse ja bis ins Doktorat hinein mit dem Abiturzeugnis nach. Also gab meine Vorgesetzte mein Abiturzeugnis unübersetzt an das Fremdspracheninstitut weiter und somit wurde mir die “Lehrbefähigung” für Französisch erteilt.

Da Deutsch meine Muttersprache ist, musste das nicht weiter belegt werden.  Völlig absurd für eine Universität. Im Folgesemester vergrößerte sich mein Fremdsprachendeputat noch weiter, neue Deutschkurse kamen hinzu, am Ende war gerade einmal noch ein Musikgeschichtekurs unter meiner Obhut, und mein eigener Kurs im Master – 80% meines Deputats – umfasste Fremdsprachenunterricht.

Aber Sie hätten sich doch beschweren können?

Sinsch: Ich habe selbst bei einem anderen ausländischen Kollegen erlebt, welche Mobbingmaschinerie da in diesem Konservatorium in Gang gesetzt wird, wenn jemand sich offiziell beschwert. So setzte ich zunächst auf den orientalischen Weg, das Gespräch mit diversen Entscheidungsträgern zu suchen und Tee zusammen zu trinken. Ich schrieb dann einmal wieder ein Bittgesuch für Oboenunterricht und wurde von meiner Institutsleiterin dafür zusammengestaucht. Richtig schlimm wurde es nach meiner Heirat im Januar 2016.

Es wurde ja schon etwas seltsam aufgenommen, dass ich einen Ägypter geheiratet habe, aber mir wurde dann erklärt, ich hätte ja nun einen Mann, der für mich aufkommen müsse und sie sei sich ja durchaus bewusst, dass der Fremdsprachenunterricht illegal sei, aber wenn mir das nicht passe, könne ich gerne zurück nach Deutschland. Da wurde ziemlich viel Druck aufgebaut. Ich habe dann Anfang des Jahres erkannt, dass sich die Dinge nicht mehr zum Besseren wenden werden und mir dann in einem anderen Land eine Anstellung gesucht, wo man meine interkulturellen Kompetenzen in der Musik zu schätzen weiß. In der Türkei selbst hätte das keinen Sinn gehabt. Wenn ein Staatskonservatorium für Türkische Musik auf meine Spezialisierung keinen Wert legt, wie würde das erst an einem rein westlich orientierten Institut aussehen?

Wie hat man auf Ihre Kündigung reagiert?

Sinsch: Sehr ungehalten. Ich teilte in meinem Kündigungsschreiben mit, dass ich nicht so eine umfangreiche musikalische Laufbahn absolviert hätte, um schlussendlich Fremdsprachen unterrichten zu müssen. Als weiteren Grund gab ich an, dass mir das Unterrichten meines Instrumentes bis heute verweigert worden sei. Der Rektor des Konservatoriums (Prof. Adnan Koc) antwortete mir daraufhin, es würden keine Informationen darüber vorliegen, dass man mich auch für Oboenunterricht eingestellt habe und der Fremdsprachenunterricht sei schließlich mit meiner Einwilligung passiert. Außerdem sei ich auf eigenen Wunsch der Musikwissenschaft zugeteilt worden.

Im Anhang wurde mir ein angebliches Schreiben von mir präsentiert, in dem ich um eine Beschäftigung in der Musikwissenschaft bitte, das aber auf einen Zeitpunkt datiert ist, an dem ich schon längst dort die Arbeit aufgenommen hatte.  Der Fremdsprachenunterricht wurde mir nach dem Motto “Friss oder stirb” vorgesetzt, und ich habe während meiner Zeit am Konservatorium auch an Instituten außerhalb der Musikwissenschaft unterrichtet.

Es ist normal, dass man an einer Stelle “beheimatet” ist und dann bei Bedarf auch in anderen Fachbereichen Kurse erteilt. Was da an Argumenten aufgeführt wird, ist völlig absurd und ein schaler Versuch der Rechtfertigung für die insgesamt ziemlich seltsamen Zustände an diesem Konservatorium. Als hoch qualifizierte Fachkraft mit einer relativ einzigartigen Spezialisierung muss ich mich nicht auf Dauer derart demütigen lassen. Man bekommt ja fast das Gefühl, es werde mit allen Mitteln verhindert, dass Studenten in der Türkei mehr über die wichtige Rolle der osmanischen Musik für den Westen und somit ihr eigenes kulturelles Erbe lernen.

Die Türkei und die Zustände dort sind ja dauerpräsent in westlichen Medien, man hat doch sicher Schlange für Ihre Geschichte gestanden?

Sinsch: Ich hatte Kontakt mit dem Spiegel, wo ein Journalist über die türkischen Unis recherchierte. Der Herr zweifelte aber an, ob meine Geschichte von Nutzen sei. Der Artikel wurde gestern (11.7.16) veröffentlicht, und unser Gespräch ist darin mit keinem Wort erwähnt. Es wundert mich im Grunde nicht. Die Menschen, die mir meine Arbeit so erschwert und mich drangsaliert haben, sind allesamt dem linksintellektuellen und kemalistischen Lager zuzuordnen, die so genannten “Pro-Westlichen”, Regierungskritischen.

Das wäre anders, wenn man mich für die Unterzeichnung von Friedenspetitionen, Einladungen zu einem kurdischen Neujahrsfest oder regierungskritischen Reden abgeschoben hätte. Ich war stets der Meinung, dass es mir als Ausländer nicht zusteht, mich in türkische Politik einzumischen. Weiterhin tauge ich mit meiner großen Faszination für das Osmanische Reich auch nicht als mediale Gallionsfigur in Deutschland.

Ich habe mich in der Türkei wohl gefühlt  und wollte einfach nur in Ruhe meine Arbeit machen.  Schon paradox, dass ich mit meiner Spezialisierung auf Osmanisches ausgerechnet in der Türkei durch fachfremden Unterricht so abgestraft wurde. Aber solange man ni


cht “Herr Erdogan ist an allem schuld!” durch die Gegend schreit, wird man in Deutschland nicht angehört.

 


Anmerkung der Redaktion: Sandra Sinsch hat offizielle Beschwerde beim Rektor der ITÜ Istanbul und der obersten Bildungsbehörde YÖK eingelegt sowie ein Schreiben an den Präsidenten R.T. Erdogan über ihren Fall adressiert. Bislang gab es noch keine Reaktionen von offiziellen Stellen. NEX liegen Kopien sämtlicher Dokumente und Schriftwechsel vor, die Sandra Sinschs Aussagen bestätigen.

 

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