"Einseitige Berichterstattung" Kommentar: Deutsche in der Türkei kritisiert Erdogan-Bashing der Medien

"Einseitige Berichterstattung"
Kommentar: Deutsche in der Türkei kritisiert Erdogan-Bashing der Medien

Eine seit fast 25 Jahren in der Türkei lebende deutsche Leserin hat uns ihre Gedanken über den aktuellen Tenor der deutschen Medienberichterstattung mitgeteilt. Darin stellt sie unter anderem die Situation in der Türkei heute jener vor der Regierungsübernahme durch die AKP gegenüber.

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(Foto: Privat)

Ein Kommentar von Marina Bütün

Es ist, wenn Deutsche über türkische Politik sprechen, meistens wie im bayerischen Komödienstadel oder bei Karl Valentin – und gleichzeitig kaum noch auszuhalten.

Hallo Deutschland! Habt ihr uns Deutsche in der Türkei schon wie Stiefkinder verstoßen, nur weil wir uns von der deutschen Mainstreampresse hier in der Türkei nicht foppen oder manipulieren lassen? Oder was treibt alle Deutschen, die nicht in der Türkei leben, dazu, UNS, die wir vor Ort leben, ständig auch nur die kleinste Ahnung von dem abzusprechen, wie die Türkei wirklich ist?

Sogar aus Uruguay bekomme ich von Deutschen die Türkei fachmännisch erklärt, und ich bin vor Ort und mir wird einfach nicht zugehört, weil ich ja angeblich gar nicht weiß, was los ist. Man kann das nur von außen richtig einschätzen, wurde mir gesagt. Alles klar. Unsere eigenen Landsleute in der Türkei, die diesen ganzen Schwachsinn aus der Presse glauben, fürchten sich vor uns, weil wir das Spiel mit dem Bashing gegen die Türkei nicht mitspielen wollen.

Henriette, eine Deutsche, die seit 20 Jahren (also VOR der Regierung Erdoğans) mit ihrem deutschen Mann und 3 deutschen Kindern in der Türkei lebt und selbständig war und die ich sehr schätze, wurde gestern von einem Landsmann auf Facebook beschimpft und als Obernazi bezeichnet, weil sie sagte, dass sie das Leben hier in der Türkei mit der momentanen Regierung gut findet und nichts Gegenteiliges oder Negatives berichten kann.

Ich bekam in einem Forum heute diese Antwort:

Zitat: „Aber sonst geht es Ihnen gut? Ich sage es jetzt mal ganz brutal: Leute wie Sie haben in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts dafür gesorgt, dass Deutschland 12 Jahre Terrorherrschaft der Nazis erleiden musste. Leute wie Sie, die ums Verrecken die Augen nicht öffnen wollten und das sehen wollten, was tatsächlich geschieht. Leute wie Sie, für die die Propaganda des Herrn Goebbels die absolute Wahrheit wiedergab, und welche die kritischen Stimmen aus dem Ausland, sofern man die überhaupt noch mitbekam, als dummes Geschwätz von Ahnungslosen abgetan haben.“ Zitat Ende

Das ist dann immer die Nazikeule, die gegen mich geschwungen wird. An einer realistischen Erklärung, wie wir hier in der Türkei den Putsch erlebt haben und warum die Entlassungen von Staatsdienern derzeit gerechtfertigt sind, ist kein Mensch interessiert. Man steht als Verteidiger der Türkei allein auf weiter Flur. Ich bin total entsetzt.

Als ob das nicht schon reicht, befinden sich seit Monaten deutsche Ehegatten von türkischen Oppositionsanhängern der CHP am Rande der völligen Hysterie, die noch nicht mal hier in der Türkei leben und sich aus Izmir von der Familie die Propagandakiste XXL de luxe mit Schleife drumherum schicken lassen… Die scheinen gerade alle völlig durchzudrehen… Ich lasse normalerweise jeden Kommentar auf meinen Seiten stehen, aber wenn er nur noch wie aus dem Irrenhaus klingt, dann klickt bei mir der Löschknopf.

Aber wen wundert das, wenn man morgens am 25. Juli noch nicht mal seinen Kaffee runtergeschluckt hat und zuerst schockiert liest von einem Bombenanschlag eines Syrers im bayerischen  Ansbach. Deutschland hat auf einmal Anschläge in Serie? Die dritte bayerische Stadt in einer Woche: erst Würzburg, dann München und jetzt das. So etwas lässt mich als Bayer nicht kalt, ich habe meine Familie dort, Kinder und Eltern. Nur unterscheiden sie sich alle ganz gravierend von den Anschlägen in Frankreich, Belgien und der Türkei. Als Beobachter seit den Anfängen der Anschläge in der Türkei finde ich das sehr komisch.

Auch mein deutscher Freundeskreis in der Türkei beobachtet seit den Anfängen aller Anschläge weltweit, wie die Berichterstattung funktioniert und die Texte für das jeweilige Land von derselben Presse verfasst werden. Vor allem fragen wir uns alle langsam und immer wieder: Haben denn syrische oder generell muslimische Attentäter immer einen Pass dabei, wenn sie sich in die Luft sprengen? Und warum verbrennt der nie mit? So schnell kann doch kein DNA-Labor sein wie die Nachricht schon wieder in der gedruckten Presse ist.

Aber man hat noch keine Zeit, nachzudenken, und auch der zweite Schluck Kaffee bleibt mir im Hals stecken: Es erscheint als der absolute Super-GAU im hinterletzten deutschen Fernsehsender RTL die Meldung, die mir soeben von einer Deutschen in der Türkei übermittelt wurde, weil ich seit Monaten meine 59 Sender einfach abgeschaltet habe: „Zahlreiche Erdoğan-KRITIKER wurden verhaftet und werden jetzt im Gefängnis gefoltert“ und ihre spontane Frage dazu: Kann man eigentlich keine Sammelklage machen gegen Springer-Verlag?

Als Bayer sage ich da nur noch: Ja, habt‘s es denn no alle beinand? (Seid ihr noch Herr Eurer Sinne?)

Liebe Frau Merkel und Herr Seehofer, gebt ihr den Verantwortlichen von RTL und Co. und den Bürgern, die in den sozialen Netzwerken ihre Anti-Türkei Parolen herumplärren, etwas ins Leitungswasser in Deutschland? Und was bitte gebt ihr ihnen?! Das Zeug muss gut sein, weil die Leute nur noch durchgehend eine auf Repeat gestellte, negative Türkeiplatte abspielen und immer wieder das Gleiche von sich geben, wenn es auch noch so abstrus erscheint. Bürger, die so viel Input bekommen, die hat man im Land gut im Griff, weil sie den Blick auf die deutschen Machenschaften im Land völlig verlieren und von den Politikern und der Presse einfach nur noch gaga gemacht werden.

Natürlich sitzen Menschen, die den Präsidenten eines Landes ermorden und die Regierung stürzen wollten, wenn sie verhaftet werden, beim Geheimdienst zur Vernehmung, natürlich werden solche Verräter in keinem Land bei einer solchen Einvernahme mit Kaffee und Sachertorte bewirtet und man spendiert ihnen auch kein Eis, das ist ja sicherlich jedem klar, der noch Verstand hat. Aber wenn ich mal so betrachte, wie fies der deutsche Geheimdienst die Ägypter geschult hat, dann herzlichen Glückwunsch.

Wann lesen oder hören wir denn von dort einmal ein paar reißerische Folterstories? Ach ja, geht ja nicht, weil dann wüsste man ja, dass der deutsche Geheimdienst auch die üblichen Techniken anwendet. Aber schön, dass der Geheimdienst von Herrn Gabriels Lieblingspräsidenten von Deutschland den letzten Schliff bekommt. Das wollte ich gerne noch loswerden…

Was ist da los, dass diese Deutschen in Facebook völlig hemmungslos Geschichten erzählen, die nicht so stimmen, und unbedingt wollen, dass es in der Türkei schlechter ist als in Deutschland, dass sie völlig aufgelöst Amok laufen und uns, ihre eigenen Landsleute, Lügner, Spinner und gehirngewaschen nennen? Was noch die mildesten und harmlosesten Ausdrücke sind. Ich habe hier Screenshots aufgehoben, in denen mich (vorzugsweise aus dem Osten/Sachsen) Landsleute als „Ausländerschlampe“ betitelt haben, nur weil mein Mann Türke ist. Ich wurde abwertend als „Schätzchen“’ von einem Deutschen in Diskussionen in Facebook tituliert, der vom Alter her mein Sohn sein könnte und der mit Sicherheit nicht so viele Jahre in der Türkei gelebt hat wie ich.

Dazu kann ich leider nur sagen, bei solchen Menschen habe ich manchmal das Gefühl, dass sie nur schwätzen, ohne nachzudenken und ein gehöriges Geltungsbedürfnis haben, weil ihnen vielleicht zu Hause keiner mehr zuhört.

Ich denke schon, dass die Menschen in meinem gesamten sozialen Umfeld, sowohl das türkische als auch das deutsche Umfeld hier, noch dazu in einer Provinz, in der es mehr Oppositionelle als Regierungswähler gibt, so ziemlich alle das gleiche Leben leben, die Bauern hier genau wie die Städter, was die Freiheiten betrifft.

Und ich sage hier jetzt einmal ganz offen: Ich habe nie in Deutschland so frei gelebt wie jetzt in den letzten fast 13 Jahren in der Türkei. Und ich war nicht nur an der schönen Küste, wo die meisten Deutschen wohnen, ich kenne Istanbul, ich kenne Ankara und ich bin kein typischer Resident, sondern wir haben hier eine Firma, wir zahlen Steuern und wir liegen nicht wie Langzeiturlauber in der Sonne herum, die einmal kurz ihre Ferienwohnung besuchen gehen und mir dann erzählen, wie furchtbar es doch im Moment in der Türkei ist und wohin das alles noch führen soll.

Ich hatte nie Angst und ich hatte nie Probleme mit den Einheimischen, unter denen ich hier lebe. Ich gehöre dazu. Ich bin integriert und ich würde mich schämen, wenn ich über die Türkei so einen gequirlten Mist wie manche hier erzählen würde, wenn ich doch genau weiß, es stimmt nicht und jeder, der hier lebt, weiß das auch.

Warum diese Deutschen das tun – ich kann’s mir nicht erklären. Ist es der Wunsch, dass man endlich die schlimme Zeit in Deutschland vergessen machen kann, indem man mit dem Finger auf die Türkei zeigt und denkt, Gott sei Dank, jetzt sind andere an der Reihe, denen man einen bösen Diktator unterjubeln kann? Vielleicht sind wir dann nicht mehr die bösen Deutschen und die Türken sind jetzt die schlimmen Finger? Was bewegt einen Deutschen dazu, ständig Dinge zu behaupten, die er gar nicht weiß, oder wenn er sie genau wie ich weiß, abstreitet?

Wir können beispielsweise (wenn wir wollen und die Sprache beherrschen) alle deutschen, türkischen oder andere ausländischen Fernsehsender UNZENSIERT über Satellit schauen, ich habe allein 59 deutsche Sender hier. Wenn der Türke das will, kann er sich das auch einstellen lassen. Wir müssen nicht, wie in der Ex-DDR, die Antenne für das Westfernsehen im Schrank verstecken, weil der Nachbar uns vielleicht verpetzen könnte. Nein, wir leben hier völlig frei und wenn ein Deutscher in der Türkei das Gegenteil behauptet, dann lügt er euch an, während er in seinem Palmengarten im eigenen Pool (oder in Miete) sein Bierchen schlürft und sich um nichts anderes Sorgen macht, als sich mit seinen Klagen über die schlimme Türkei einen Nobelpreis für Mitteilungsbedürfnis zu holen, weil die Bier- und Rakıpreise wieder mal gestiegen sind und man sich sein heiliges Wasser nicht mehr literweise kaufen kann…

Es wird hier ganz wenige Sozialfälle geben, die aus Deutschland kommen und jahrzehntelang ohne Arbeit und ohne Essen in einer Blechbaracke hausen müssen, weil jeder Ausländer für den permanenten Aufenthalt auch nachweisen muss, dass er sich selbst versorgen kann. Natürlich habe ich Fälle erlebt, von Deutschen und Österreichern, die am Schluss illegal hier waren, jahrzehntelang, kein Geld mehr hatten, um die Papiere, den Pass oder die Aufenthaltsgenehmigung zu bezahlen. Aber das sind traurige Einzelfälle, der Rest lebt hier wie ein König mit Haus oder Wohnung und Pool, und mit demselben Einkommen ist er in Deutschland fast ein Bettler und zahlt in der Heimat für 40 Quadratmeter 750 Euro und kommt mit dem Einkommen oder der Rente nicht mehr aus.

Bitte fragen Sie doch immer sofort nach, WIE gerade diejenigen Deutschen in der Türkei leben, die Sie gar so vollheulen und jammern und gegen die Regierung schimpfen. Lassen Sie sich Fotos  von „meine Villa, mein Meerblick, mein Auto, mein Pool und meine kleine eigene Hotelpension oder mein Golfschläger“ zeigen. Und dann fragen Sie sich einmal, warum es gerade solchen Deutschen hier so schlecht gehen soll?

Die meisten von ihnen haben hier oft schon Jahre vorher unter der gleichen Regierung gelebt und jetzt auf einmal ist alles schlecht? Was für ein Blödsinn. Vor allem, wenn man gerade nach dem versuchten Putsch sieht, wie alle im freudigen Ausnahmezustand  und froh darüber sind, dass so wenige Touristen die ersten Reihen der Strandliegen mit Handtüchern belegt haben und man sich ausbreiten kann.

Ich kenne die Türkei auch noch von der Zeit 12 Jahre vor Erdoğan, als die Deutschen schon wie eine Bratwurst mit ihrer D-Mark wedelten, in den Luxushotels auf den Liegen am Meer brutzelten und sich die Cocktails einschenkten, sich Unmengen Goldschmuck und Teppiche kauften und nach Deutschland mitnahmen und anderswo in der Türkei im Sommer Mitte der 90-er der Müll in Istanbul meterhoch auf den Straßen stank: DAS weiß keiner und auch viele, die hier lebten, sogar in Istanbul, streiten das heute vehement ab, wenn sie felsenfest behaupten, dass damals alles besser war als heute.

Als ich in Kuşadası bei meiner Schwiegermutter nach der Mülltonne suchte, hieß es, wir haben keine Müllabfuhr, wir vergraben das in einem Loch an der Straße…

Als 1991 mein damals 12 Jahre alter Schwager einen Blinddarmdurchbruch hatte, wegen der falschen Versicherung fast vor dem Krankenhaus gestorben wäre und schon halluzinierte, musste mein Mann im Auftrag der Notaufnahme erst einmal in der Apotheke die Medikamente, Infusionen und alles sonstige Zubehör für die Operation aus eigener Tasche bezahlen, und meine Schwiegermutter brachte das eigene Bettzeug ins Krankenhaus, weil keines gestellt wurde (Provinz Aydın, Kuşadası). Danach hat man meinen Schwager erst aufgenommen.

Als 1998 die staatliche Krankenkasse vom heutigen Oppositionsführer der CHP, Herrn Kılıçdaroğlu, in die Pleite getrieben wurde und die Türken morgens schon um sechs Uhr vor der Apotheke Schlange standen und nach zwei Stunden in der Apotheke keine Medizin mehr da war, hatten türkische Rentner damals 300 TL (ca. 100 Euro heute) Rente, heute sind es 1300 TL, ich könnte diese Dinge noch unendlich fortsetzen.

Bis Erdoğan kam, war die Türkei ein Chaos, die Steuern wurden nicht bezahlt, das Telefon draußen irgendwo an der Straße an der Nachbarleitung angeklemmt, damit man sich die Kosten sparte,  die verplombte Stromuhr wegen Schulden einfach wieder geöffnet oder die Tür einfach nicht aufgemacht, wenn der Stromableser kam. Die Beamten waren alle bestechlich. In allen Behörden brauchte man etwas, reichte einfach einen Geldschein, den man in einer Akte versteckt übergab oder wenn man keinen Führerschein hatte und in eine Polizeikontrolle kam, legte man 100 Lira in die Papiere, und danach durfte man ohne Führerschein wieder weiterfahren. Ganz offiziell. Wenn Sie mir das nicht glauben, dann fragen Sie meinen Trauzeugen, der mich 1990 so von Flughafen Istanbul bis zum Hotel mit einer Geschäftslimousine gefahren hat.

Ich habe geheiratet, als noch Militär in den Büros der Behörden saß. Mit finsteren Mienen und Uniform. Auch der Bürgermeister war nie unglücklich, wenn man ihm Geld da ließ. Kapierte man nicht, was er wollte, hatte er einfach zu tun.

Mein Mann musste für eine Unterschrift beim Bürgermeister bezahlen, für ein Papier zur Hochzeit, das wir dringend brauchten. Der Grund für die Verweigerung der Unterschrift: Er habe jetzt keine Zeit, weil er die Gardinen im Büro aussuchen müsse. Mein Mann fragte, was denn die Gardinen kosten, er würde sie dem Büro spendieren. Nachdem er 270 Lira hingelegt hatte, bekamen wir die Unterschrift.

Ein Bekannter, damals Student, wurde wegen einer angeblich nicht bezahlten Telefonrechnung, die sieben Jahre alt war, so lange in Zwangshaft genommen, bis die Familie den Beleg über die ordnungsgemäße Bezahlung wirklich noch finden und nach drei Tagen faxen konnte. Er stand deswegen drei Tage mit 100 Mann in einer 20-Mann-Zelle, ohne Toilette, ohne Essen, ohne Wasser (das man für Wucherpreise bei den Beamten bestellen konnte), bis sie ihn dort endlich befreien konnten.

Und dann lese ich permanent von den  Oppositionsanhängern, ob deutsch oder türkisch: Erdoğan muss weg, früher war alles besser! Leute, ich war „früher“ auch schon da, mein Mann war noch früher hier in der Türkei, zum Militärputsch in den 70ern. Mir haben die Zustände von 1990 bis 2002 schon gereicht, und ich fand es schrecklich, und es waren Zustände, die nicht mehr tragbar waren. Was bitteschön war denn besser, fragte ich mich. Denn die armen Leute hatten nichts, die Reichen alles. Schon damals regierte auch in der Türkei das Geld, die Schere war riesig zwischen Arm und Reich.

Wer damals das nötige „Kleingeld“ hatte, gerade die reichen Unternehmer oder Akademiker, konnte alles mit Schmiergeld erledigen, was er wollte. Der kleine Mann mit 300 Lira Einkommen (1990 verdiente ein Lehrer 350 TL) konnte das nicht. Deshalb gibt es unter den Gegnern der heutigen Regierung auch sehr viele gutbetuchte Unternehmer oder Prominente, die zwar vor Geld stinken und sich in der Türkei alles leisten können, aber am meisten schimpfen oder sich gar über den jetzt missglückten Militärputsch nicht freuen, sondern traurig sind.

Dass dann aber alle, auch ihre Wunschparteiführer am Galgen gebaumelt hätten, gleich neben den Regierenden, dafür fehlt ihnen meines Erachtens der Horizont. Oder es ist Alzheimer. Anders kann man sich so einen Gedächtnisschwund nicht erklären, da die meisten fanatischen Regierungsgegner die Akademiker im Land und somit intelligent sind oder zumindest sein sollten.

DAMALS hatte ich Angst, heute nicht.

Heute sitze ich im Migrationsbüro, die Polizei ist in Zivil und wir trinken Tee, es geht nicht autoritär zu, sondern eher familiär. Ich saß auch schon während einer Verkehrskontrolle in Ortaca eine halbe Stunde mit dem Polizisten an der Straße, er hat mir die Hälfte seiner Pizza angeboten und eine Fanta, damit ich als Ausländer nicht die lange Wartezeit in der Hitze im Auto verbringen muss, bis per Funk die Daten abgefragt wurden, und er hat sich nett mit mir unterhalten.

Aber es haben sich die Zeiten natürlich schon für die Türken gravierend geändert, und wer eine Demokratie im Land hat, der hat nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Und genau DAS ist der Punkt, den ich für ganz wichtig halte, wieso viele einfach schimpfen.

Der Türke kannte von den Regierungen vorher noch keine richtige Demokratie, die gab es vorher nie wirklich. Es gab zwar ein Parlament wie jetzt auch, Abgeordnete verschiedener Parteien wie jetzt auch, die mit Mehrheit abstimmten, genauso wie heute unter der Regierung, aber jedes Jahr wechselte die Regierung, manchmal sogar früher und das, seit es die Republik Türkei gibt – bis Erdoğan kam, der vom Volk genauso demokratisch gewählt wurde, wie alle anderen vor ihm auch, und das schon 2002.

Die meisten Türken im Land haben aber nicht gelernt, dass man in der Demokratie nicht nur Rechte, sondern auch Bürgerpflichten hat, und nicht nur fordern kann. Die Pflichten hassen sie, und da wird schon mal gleich eine Diktatur daraus gemacht. Und auch alle Deutschen, die sich damals dem gemütlichen Schlendrian angepasst hatten, waren nichts anderes gewöhnt, als dass man einfach die Steuer hinterzieht oder Rechnungen bis zum Sankt Nimmerleinstag aufschiebt.

Seit Erdoğan da ist, wird eben wie in Europa die Steuer bezahlt, eingefordert oder man wird gepfändet, es wird keine Strom- und Wasseruhr mehr im Haus eingebaut, sondern zugänglich draußen an der Gartenmauer, damit man auch ungehindert ablesen und eine Rechnung stellen kann, es gibt Strafen, wenn man im Verkehr ohne Führerschein erwischt oder geblitzt wird. Heute ist Schmiergeld und der Schein in den Papieren eine Straftat. Die Gesetze wurden in der Türkei von Erdoğan der EU immer mehr angeglichen aufgrund der Forderung der EU, also müsste doch ganz Deutschland samt der Presse genau wissen, dass wir hier die gewünschten Veränderungen veranlasst haben. Wir haben sogar einen TÜV, der vom TÜV Süd München ausgebildet wurde. Es wird nie in der deutschen Presse so etwas erwähnt, weil man den Europäer lieber glauben lässt, dass Präsident Erdoğan alles im Alleingang entscheidet. Ich glaube, selbst Cem Özdemir glaubt das, sonst würde er nicht so dumme Reden schwingen.

DAS ist etwas, womit der Türke, aber auch der gutsituierte Deutsche, der damals schon in der Türkei war und der früher alles mit Schmiergeldern erledigt hat, nicht zurechtkommt. Auch der kleine Mann muss jetzt lernen, dass die gemütliche Bezahlung der Rechnungen nicht mehr funktioniert. Deshalb sagt man dann gleich schnell, alles wird diktiert. Etwas, was für uns Deutsche normalerweise völlig selbstverständlich ist, bedeutet für den Türken, der früher alles einfach mal mit ein paar Bestechungsscheinen erledigt hat, heute Diktatur.

Ich hoffe, dass diese ausführlichen Erklärungen jetzt auch jedem die Augen öffnen, wieso diese Negativpropaganda sich so hält, denn ein Türke, der davon überzeugt ist, dass er keine Pflichten in der Demokratie hat, der wird immer schlecht reden und hat er eine deutsche Ehefrau, die nichts von dieser Zeit weiß und die Sprache nicht kann, wird natürlich mit solchen Informationen gefüttert und verbreitet es weiter nach Deutschland. Auch die Kinder werden bereits dementsprechend geimpft und wissen es nicht besser – wie auch?

Als ich vor meiner Heirat 1990 meinen Mann in Kuşadası besuchte, hatten wir einen 100 km langen Weg vom Flughafen nach Hause. Wir konnten aber unverheiratet in keinem Hotel übernachten, weil mein Mann sonst verhaftet und ich abgeschoben worden wäre. Bis 1994 war das so. Sein Freund, der bei der Jandarma im Dorf war, hat ihm sofort abgeraten, es zu versuchen, in einem Hotel abzusteigen, wir sollten lieber morgens um vier Uhr zurückfahren. Jedes seriöse Hotel wollte die Heiratsurkunde sehen, wenn man eincheckte. Wer vor der Ehe in einer Pension ohne Heiratsurkunde erwischt wurde und vielleicht einer davon noch verheiratet war, wurde verhaftet. Für einen Türken hieß das 3 Jahre Gefängnis, für einen Ausländer die Abschiebung mit Einreisesperre. Ich wollte gerne wissen, ob deutsche Frauen, die heute unverheiratet mit einem türkischen Mann zusammenleben, das so schön fänden, wenn sie immer nach der guten alten Türkei rufen.

Alle diese Zustände wurden ab 2002 durch die Regierung Erdoğans nach und nach abgeschafft, die nicht so gut situierte Bevölkerung liebt ihn, weil er der kleinen Oma eine Krankenversicherung, mehr Rente und ein ruhiges Leben ermöglicht hat. Der kleine Arbeiter fragt nicht, warum Erdoğan viel Geld hat oder Dinge tut, die der Opposition ein Dorn im Auge sind, weil es ihm besser geht als vor Erdoğan. Die kleinen Leute leben heute gut und haben weniger Sorgen als früher. Wir haben ein funktionierendes Gesundheitssystem und ein Rentensystem und dank der EU, die immer mehr forderte, damit die Türkei das Visa bekommt, hat die Regierung weitere 72 Änderungen für die EU vorgenommen, es wurde bis auf drei geforderte Kriterien alles der EU angepasst.

Und wer nun logisch denken kann, der wird sich fragen: Warum erzählt dann die deutsche Presse und erzählen auch manche Deutschen oder Türken, die in der Türkei leben, so viele Unwahrheiten?

Das ist liegt klar auf der Hand, wenn man sieht, wie es früher war. Die Reichen, die früher alles mit ihrem Geld regeln konnten, haben es heute schwerer und wollen die alten Zeiten ohne Erdoğan zurück und die, die immer davon erzählen, sie wären Minderheiten und würden unterdrückt, die sind noch so jung, dass sie gar nicht wissen, was Unterdrückung wirklich bedeutet. Hier wird niemand unterdrückt, auch die Kurden nicht.

Ich finde es von meinen Landsleuten, und da stehe ich nicht alleine, einfach dumm, Dinge zu behaupten, die man mit Beweisen widerlegen kann und alle Frauen, die wie ich hier leben und einen gesunden Menschenverstand haben, sehen das genauso.

So sah Istanbul Ende der 90er Jahre aus: ein Zeitungsbericht aus dieser Zeit, in der angeblich alles besser war.

(Foto: Gecmisgazete)
(Foto: Gecmisgazete)

Gehen wir wieder vor ins Jahr 2016:

Wenn wirklich etwas schief geht, dann gehen Auswanderer nach zwei bis vier Jahren nach Deutschland zurück, wenn das Kapital zu Ende ist, und dann, ja genau dann, wenn sie es hier nicht geschafft haben, etwas aufzubauen, schimpfen sie in Deutschland weiter über die Türkei. Aus Zorn, selbst versagt zu haben und aus Neid, weil andere nicht gehen müssen, wird auf einmal ein Ballon von Unrat über die Türkei gekippt, die sie vorher so liebten. DAS weiß aber keiner, außer wir Deutschen hier, die nicht gehen mussten und schon zehn bis zwanzig Jahre hinter uns haben. Nur wir sehen, wenn die deutschen Rückkehrer mit Tränen der Enttäuschung über ihr eigenes Versagen wieder nach Deutschland gehen und nur wir wissen, wie sie sich plötzlich verändern und das, was sie hier so schön fanden, auf einmal schlechtreden. Dann ist nur Erdoğan schuld… dieser Satz ist schon fast ein historischer geworden.

Die Deutschen, die im Zorn die Türkei verlassen, sei es nun, weil sie keine Arbeit gefunden haben, weil ihre eigene Firma pleiteging, oder bei deutschen Frauen kommt es meistens vor, dass man sich vom türkischen Lebenspartner trennt – diese Deutschen haben zu 99 Prozent eine massive Wut auf die eigenen deutschen Auswanderer hier, die sich auch aus Gründen von Eifersucht, Neid und Intrigen um Neuankömmlinge herumtreiben, um sie ihrer neuen Existenz zu berauben. Mit Mobbing, Intrigen, Besserwisserei, oft auch mit Bitten um Geld, das sie nie mehr zurückbekommen. Der typische Auswanderer ohne türkischen Hintergrund lebt hier im deutschen Getto und nicht sehr oft unter den Einheimischen so wie wir, weil er ohne die türkische Sprache niemanden für seine Kaffeekränzchen oder Grillabende hat, er hat vielleicht deswegen Berührungsängste. Aber auch viele kommen nicht in die Türkei, weil sie alles schön finden, nein, sondern weil sie mit der kleinen Rente in Deutschland unter dem Existenzminimum leben müssten und sich hier die Rente durch den Umrechnungskurs verdreifacht – aber die Lebenshaltungskosten sind um die Hälfte geringer.

Der typisch deutsche Auswanderer lebt so ein Leben, welches in Deutschland den Türken immer vorgeworfen wurde: dass sie die Sprache nicht lernen und sich nicht integrieren wollen. Aber hier ist es umgekehrt für die Türken in Ordnung, und keiner würde sich darüber aufregen, weil der Türke ein toleranter und gastfreundlicher Mensch ist. Und leider, auch wenn es jetzt nicht das ist, was man lesen will: Fakt ist, dass ich von der einfachen Landbevölkerung, die noch Kopftuch trägt, herzlicher aufgenommen wurde und nie angefeindet wurde als bei den modernen, gut situierten und sehr oft mit Standesdünkeln behafteten Türken, und ich war erstaunt, dass man mich sogar entfreundet hat, weil ich nicht eins mit deren Meinung über die Regierung war. Mein Mann wurde auch schon ohne Gruß von seinem Freund bei uns im Haus stehen gelassen, weil er nicht vehement diese Märchen von dem bösen Präsidenten erzählt, die die Oppositionellen gerne hören wollen, und die sich meistens mit der Meinung der deutschen Mainstreampresse decken.

Europa will die Türkei klein halten, denn sie wird viel zu stark, sowohl wirtschaftlich (trotz des Tourismuseinbruchs) als auch in der Verteidigung. Sie ist für die USA und Europa das Tor nach Asien und für die Nato die Tür in den Nahostkrieg. Mehr muss man dazu wohl nicht sagen…

Wen es wirklich interessiert:

Wir können alle Radiosender weltweit hören und können hier jede Zeitung kaufen, auch die (angeblich) unzensierte deutsche. Wir sehen mehr Live-Kanäle über den Putschversuch und was passiert ist als in Deutschland und nicht nur wie in Deutschland von dem Haustürken Deniz Yücel von der Zeitung Welt drei Fotos von der Putschnacht, auf denen das türkische Volk nur aus drei schwarz verschleierten Frauen und zwei Fundamentalisten mit Bart besteht, die die Panzer aufhalten. Das ist so eine offensichtliche, dumme Manipulation, aber seltsamerweise glauben es fast alle Deutschen, die das sehen.

Wir haben erstaunt den angeblich geköpften Soldaten in einem Fernsehinterview im türkischen Fernsehen lebend gesehen, Sie auch? Wahrscheinlich nicht, denn während die fanatischen ausgewanderten „Kemalistendeutschen“’ in Istanbul immer noch in ihren Posts in Facebook und auch in Internetblogs die Geschichte einer gruseligen Nacht mit kopflosen Soldaten herumerzählen und den Mist selbst anscheinend auch noch glauben, obwohl die Fotos als Beweis schon vorliegen, dass diese Soldaten verletzt und lebend im Krankenhaus behandelt wurden, stehen wir anderen da und wissen nicht, wieso sie so etwas Schändliches tun. Die türkische Bevölkerung, die die Soldaten aufgehalten hat, hat mitunter im Gemenge einen Soldaten verletzt, aber ihn sogar blutverschmiert auf eine helle Lederrückbank gelegt und ins Krankenhaus gebracht. Auch darüber gibt es Fotos, die auch auf meiner Seite „Politische Lage Türkei“ veröffentlicht wurden.

Man bekommt beim Zusehen langsam den Verdacht, wenn man trotzdem heute noch diese seltsamen und gruseligen, falschen Berichte auf Facebook oder privaten Blogs findet, diese Deutschen würden von Europa bezahlt für diesen schlechten und nachprüfbaren Lügenwitz. Aber nach dem Putschversuch ganz schnell alle Schotten in Facebook dichtmachen, weil ein Facebookfreund, der so denkt wie ich, noch etwas in der Art lesen könnte…

Allein daran erkennt man, dass der Informationsfluss der fanatischen Oppositionellen ziemlich seltsame und völlig irrationale Wege gehen muss und man noch nicht einmal weiß, dass man auf Facebook ständig überwacht wird und zwar schon immer, von Herrn Zuckerberg und nicht von der türkischen Regierung, die natürlich auf richterlichen Beschluss alles aus den Datenspeichern von Facebook bekommt. Dazu braucht man keine Menschen, die spionieren. Aber dass der Gedanke da ist, sieht man an dem Verhalten solcher Menschen: Warum hat so jemand überhaupt Angst?

Die deutschen Politiker wollen zwar alle nicht, dass sich die Türkei in die deutsche Politik einmischt, aber Europa selbst hat permanent seit 1876 den langen Rüssel hier drin (steht im Geschichtsbuch, guckt mal rein) und jeder macht sich so wichtig. So, als hätten alle deutschen Bürger den Auftrag, uns aufzuklären über ein Land, in dem WIR leben, nicht sie, und alle Deutschen tun so, als hätten sie den Auftrag, schon morgen die Türkei wie im Ersten Weltkrieg zu besetzen, um sie bei einer Flasche Rakı unter allen Europäischen Staaten aufzuteilen.

Ich habe Wetten abgeschlossen, wieviel Mist der Deutsche glaubt, und ich hab die Wette haushoch verloren. Ich habe nicht geglaubt, wie hoch die Schmerzgrenze liegt, ich bin vom Glauben abgefallen.

Und allen deutschen Türkeiexperten, die sich diesbezüglich immer so wichtigmachen, empfehle ich einmal in die Tiefen der türkischen Geschichte einzutauchen. Nur solltet ihr vorher Türkisch lernen und die wahre Geschichte über diesen Kuhhandel Europas damals lesen. Denn ich habe einmal Deutschland, England und die Türkei verglichen. Da setzt die geistige Verwirrung dann langsam ein.

Parallel dazu haben uns Deutschen in der Türkei ausgerechnet noch die in der Türkei lebenden deutschen Facebooker hier gefehlt, welche alle auf einmal eiligst in Nacht- und Nebelaktionen ihre (nur ihnen suspekten) deutschen Freunde löschen und blockieren, eilige „Säuberungen“ in geheimen Gruppen veranstalten, weil sie wegen ihrer nicht zu stoppenden verbalen Inkontinenz über den angeblichen Diktatorenstaat Türkei, in dem sie in schönen Häusern mit Swimmingpool leben, bei Migros deutsche Lebensmittel kaufen gehen und auch sonst besser als in Deutschland leben, plötzlich in einem Anfall von paranoider Massenschizophrenie denken, dass sie von allen anderen Deutschen mit türkischem Ehemann (wie mir) bei der türkischen Regierung gemeldet werden. Was hat eine deutsche Hausfrau, die nicht in diesen Putschversuch verwickelt ist, hier zu befürchten? Das ist einfach nur noch paranoid.

Mir wurde auch von einer guten Facebookfreundin erlaubt, dieses Schreiben zu veröffentlichen, das sie per persönliche Nachricht in Facebook erhalten hatte, in der Woche nach dem Putschversuch:

„Liebe …

ich mag Dich gut leiden, aber Deine Posts irritieren mich zunehmend. Ich kenne Dich persönlich nicht gut genug, um einschätzen zu können, was Dich treibt, aber Deine Weltanschauung ist eine völlig andere als meine. Ich werde Dich vorläufig von meiner Freundschaftsliste streichen. Ich bitte um Verständnis. Pass auf Dich auf und schau zu Dir. Alles Liebe und bis bald in Alanya, dann reden wir mal in Ruhe. Liebe Grüße…“

Da frag ich mich schon: Welche Pillen nehmen diese Verrückten alle? Gibt es die auch ohne Rezept? Plötzlich fühlen sie sich verfolgt wie im Krimi. Wovon bitte? Oder sind sie wirklich alle so verdächtig, dass man sich so fürchten muss? Das glaube ich nicht, denn wir leben alle seit über einem Jahrzehnt mit der gleichen Regierung, und auf einmal wird es gefährlich? Hallo, es wurde ein Putsch von einer regierungsfeindlichen Bewegung gemacht! Die sind gefährlich und sonst nichts.

Mal eine kurze Info an alle, die gerade die türkische Facebookphobie haben:

Liebe deutschen Schizoexfacebookfreunde in der Türkei!

Wir Normalos, die nur logisch und nicht fanatisch politisch denken, haben überhaupt kein Interesse am typisch deutschen Denunziantentum aus dem Dritten Reich, auch wenn ihr das sooo gerne hättet und uns den Faschisten und irgendwelche Hitlermärchen auf den Oberarm tätowieren wollt.

Wir leben im Jahr 2016 in der Türkei und nicht im Jahr 1945 in Deutschland, was ihr wohl irgendwie auch noch verwechselt habt. Aber wir leben auch nicht mehr im Jahr 1926, als die Republik Türkei gegründet wurde und die Form dieser neuen Regierung in diese Jahre gepasst hat und modern war. Es ist jetzt 2016, vielleicht erinnert Ihr Euch noch? Atatürk war ein Meilenstein für die Republik, damals, es ist gut, dass er so verehrt wird.

Aber in Deutschland wollt ihr doch auch nicht die Zeit von Adenauer zurück – oder doch? Die Großmutter meines Mannes ist mit Atatürk aus Saloniki nach Ankara gekommen, die Familie verdankt ihm sehr viel und das ist alles wunderbar. Aber irgendwann muss man auch die Realität sehen und an die Zukunft denken, vor allem: Wenn man die intrigante Geschichte Europas mit der Türkei zur Zeit von Sultan Abdülhamit II. kennt, dann kennt man auch die Hintergründe Europas und wieso die Türkei so gebasht wird.

Nicht wir, die von Euch permanent so bösartig als gehirngewaschene Faschisten bezeichneten Facebookfreunde, beobachten Euch in Facebook, nein. Big Brother is watching you! Angst haben müsst ihr nur vor Facebook selbst, das besorgt Herr Zuckerberg allein mit seinen Türkeiverträgen mit einem Wortfilter und ohne jede Hilfe von uns, denen ihr sowieso völlig wurscht geworden seid nach so einer idiotischen Aktion. So wichtig kann kein Mensch sein, dass man seine Energie zum Denunzieren von Leuten verwendet, mit denen man noch nicht mal persönlich gesprochen und nur im Internet getippt hat, und man wegen so einem Blödschmarrn (bayerisch – deutsche Übersetzung: dummen Unsinn) seine Freizeit vergeuden möchte.

Ach ja: Egal, was ihr hier einmal getippt und wieder gelöscht habt, ihr denunziert Euch alle nur selbst, denn das Archiv von Facebook ist immer noch da (bis in ca. 100 Jahren) und alle Daten von Euch werden gespeichert bis in alle Ewigkeit! Auch wenn ihr sie löscht. Und wenn ein Verdacht besteht, so ist das wie in Deutschland, dann wird Facebook auf richterliche Anordnung über Euch sowieso alles herausgeben. Heißt auf gut deutsch: NUR was ihr in Facebook NICHT schreibt, wird auch niemand lesen können – der Rest bleibt in der Datenbank von Facebook und wird auf Beschluss weitergegeben, wenn danach gesucht wird. Aber vor uns anderen müsst ihr wirklich keine Angst haben.

Wieso sollten wir uns unsere schöne Freizeit, in diesem schönen Land, mit Menschen, die ihre negative Energie wie aus der Spraydose versprühen, belasten? Man ist immer nur so schlecht, wie man selbst von anderen denkt!

Daran kann man schon einmal sehen, wie wenig und wie falsch informiert der Deutsche selbst manchmal in der Türkei ist, wenn er sich nur in einseitigen Kreisen bewegt, und wenn Eure Informationen über die Türkei genauso mager sind wie Eure Kenntnisse über Ermittlungen in Facebook, wundert mich ehrlich gar nichts mehr.

Es ist mir persönlich völlig egal, was jeder politisch denkt, ich schmiere auch nicht gehässig auf anderen Profilen von Leuten herum, die mit der Zeitmaschine aus dem Jahr 1926 nicht mehr zurückgekehrt sind oder nenne sie Lügner oder Feinde.

Sie glauben mir nicht, dass es so etwas gibt? Dann wissen Sie nicht das Geringste von der türkischen Politikatmosphäre unter den Bürgern. Ein seltsames Phänomen, das auch auf Deutsche in der Türkei manchmal wie ein Virus übergreift, wenn das Umfeld im Oppositionsfeld angesiedelt ist.

Ich bin bis heute kein Wähler irgendeiner Partei gewesen, weil man als Ausländer in der Türkei gar nicht wählen darf, genau wie jeder von jenen, die jetzt am Rad drehen, selbst auch, die harmlose Freunde entfreunden und einen neuen imaginären Freund Harvey an der Seite haben, der ihnen sagt, sie würden beobachtet.

Im Gegenteil, ich bin gar kein politischer Mensch, sondern bin durch die ganze Türkeihetze wach geworden und habe mir ganz objektiv und unvoreingenommen beide Seiten angesehen. Meinen Mann muss ich zum Glück hier nicht als Ratgeber in Anspruch nehmen, weil ich die Sprache kann und es mir wichtig ist, nicht beeinflusst zu werden. Denn dann wäre ich nicht besser dran als die deutschen Frauen hier in der Türkei, die permanent von ihren türkischen Ehemännern die ureigenste politische Einstellung eingetrichtert bekommen, und wenn es nicht die Ehemänner sind, dann sind es die Kinder, die in türkischen Universitäten von Anfang an nur in eine politische Richtung getrimmt werden und nach dem Examen als fertiger Oppositionswähler der CHP die Uni verlassen.

Manchmal denke ich, die heiße Sonne der Türkei ist nicht für alle Menschen geeignet. Bleibt doch bitte drinnen unter Eurer Klimaanlage, sonst bekommt ihr noch in eurer Angst in eurem schönen Pool einen Gehirnschlag und der gute teure Rakı fällt noch ins Wasser…

Nicht nur ich bin wütend auf so viel Schwachsinn, und dementsprechend ist mein Artikel wahrscheinlich schockierend für viele Leser, aber alles schön reden, das hilft hier nichts, denn das tun alle anderen ja schon jahrelang und ziemlich erfolglos. Ich habe bisher nie aus dem Nähkästchen geplaudert, aber es wird Zeit, der Öffentlichkeit einmal zu zeigen, was immer verschwiegen wird, und ich wurde von vielen, die so denken wie ich, bestärkt.

Und diese Informationen kann man nur von Menschen erhalten, die nicht parteiisch sind, die genau wie ich auch gar nichts mit fanatischer Politik und Mit-einer-Seite-Beziehen zu tun haben. Ich habe einfach recherchiert und mich nicht einlullen lassen von irgendwelchen Schwätzern, die immer alles zu wissen glauben und noch nicht ein einziges Mal die Türkei betreten haben, und selbst ihnen kann man es noch einigermaßen verzeihen, aber jenen nicht, die selbst hier leben und vor nichts und keinem Statement zurückschrecken, dass sie das Land, in dem sie deutscher Gast sind, diskreditieren und wissentlich falsche Informationen weitergeben.

Lieber Leser, entschuldigen Sie bitte diesen Ausbruch, aber es ist einfach so, dass sich bisher, bis vor dem Putschversuch, kein Deutscher wirklich zu sagen traute, ich finde es gut hier und es passt hier alles und zwar besser als in Deutschland. Warum? Weil die, die die alten Zeiten zurückwollen, wie die Hyänen über uns alle hergefallen sind – dieselben, die nun ihre Freunde in Facebook löschen und Angst haben, dass sie von ihnen angeschwärzt werden. Wie man auf so eine dusselige Idee kommt, entzieht sich meinem Verständnis. Ich fange damit an, in der Hoffnung, dass alle die, die bisher geschwiegen haben, endlich auch einmal den Mut haben, ihre ehrliche Meinung dazu zu sagen.

 


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