Flüchtlingsschicksale Syrerin: “Habt Geduld! Wir sind nicht hergekommen, um eure Staatskasse auszuplündern!”

Flüchtlingsschicksale
Syrerin: “Habt Geduld! Wir sind nicht hergekommen, um eure Staatskasse auszuplündern!”

Eine junge Syrerin, die seit einem Jahr in Deutschland lebt, spricht über ihre Erfahrungen als Flüchtling in Deutschland. Dabei macht sie deutlich, dass es nicht im Interesse der Geflüchteten sei, auf Staatskosten in tristen Unterkünften zu hausen. Die erzwungene Untätigkeit sei vielmehr das Schlimmste am Flüchtlingsdasein.

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(Foto: Selma Lebdiri)

Die erste junge Frau, die ich treffe, heißt Sarah, ist 24 Jahre alt und seit mehr als einem Jahr in Deutschland. Das erste Mal, als ich sie sah, war sie erst seit wenigen Wochen im Lande. Die erste Frage, die sie mir damals gestellt hatte, war: „Wann kann ich eigentlich weiterstudieren? Und wo?“ Solche Menschen bleiben einem im Gedächtnis. Denn sie blicken nach vorn, anstatt sich über die Vergangenheit zu beklagen.

Sarah, erzähle uns etwas über Dich und Deine Familie.

Ich bin die älteste von vier Geschwistern. Zwei von ihnen besuchen mit mir den Sprachkurs an der Uni. Meine jüngste Schwester besucht eine staatliche Schule und kommt schneller voran als wir anderen, habe ich das Gefühl. Vielleicht hat man es einfacher, je jünger man ist.

Wie war dein erster Eindruck von Deutschland?

Der Anfang war sehr schwer. Das Wetter, die Umstellung, kein fester Wohnsitz. Wir sind in vielen verschiedenen Camps untergekommen, bevor wir in diese Stadt kamen. Aber so langsam gewöhnt man sich an alles.

Wie seid ihr nach Deutschland gekommen und welche Erinnerungen hast du an die Reise?

Syrien haben wir erst dann verlassen, als die Armee die Lederwerkstatt meiner Eltern in Besitz genommen hat. Der Kriegszustand war ohnehin schon schlimm. Seit wir die Firma verloren haben, wurde es für uns unmöglich, zu überleben. Die Reise war nicht wirklich geplant. Erst als die Lage unerträglich wurde, haben wir uns auf den Weg gemacht. In ein – hoffentlich – besseres Leben.
Wir haben fast kein Verkehrsmittel ausgelassen: Wir saßen in verschiedenen Flugzeugen, im Boot, in mehreren Zügen, fremden Autos… Der Weg hierher war lang und anstrengend. Vor allem zu sehen, wie die Menschen leiden müssen, hat mich sehr mitgenommen. Viele unserer Freunde haben den Weg hierher leider nicht geschafft und sind auf der Flucht verstorben. Als wir im überfüllten Boot saßen, habe ich nur gehofft und gebetet, dass meine Familie und ich die lange Fahrt durch das Meer entweder alle überleben, oder alle… Es wäre schlimm gewesen, jemanden aus meiner Familie verloren zu haben. Wir hatten, Gott sei dank, sehr viel Glück. Andere leider nicht.

Wenn du an deine Heimat Syrien denkst, welche Eindrücke und Gefühle kommen auf?

Ich versuche, mich mehr an die schönen Zeiten zu erinnern als an die momentane Situation in meinem Land. Ich wünsche mir so sehr, dass alles wieder wird wie vorher. Und ich hoffe, dass ich eines Tages zurückkehren kann und meine Heimat mit aufbauen und bereichern kann mit all dem Wissen, das ich mir hoffentlich in den nächsten Jahren aneignen werde.
Ich war im letzten Semester meines Informatikstudiums an der Uni in Damaskus. Kurz vor der Prüfung wurde die Kriegssituation immer schlimmer und ich musste abbrechen. Viele Nachweise über mein Studium konnten nicht mehr gerettet werden. Aber ich werde alles nachholen. Auch wenn ich hier von vorne anfangen muss. Ein Abschluss ist wichtig für die eigene Zukunft.

Wie sieht dein Alltag in Deutschland aus?

Seit einigen Wochen besuche ich jeden Vormittag einen Deutschkurs an der Uni. Die Sprache ist das Wichtigste. Gleichzeitig informiere ich mich über Studiengänge. Hier in Deutschland hat man viel mehr Möglichkeiten als in Syrien. Ich habe mich noch nicht festgelegt, ob ich mein altes Studium wieder aufnehmen möchte oder doch lieber was Neues angehen soll. Ich lerne erst die Sprache. Danach werden sich mir hoffentlich die Türen öffnen.
Aber mein Tag war nicht schon immer so! Die Zeit in den Unterkünften war total schlimm. Und das war immerhin fast ein ganzes Jahr meines Lebens.

Inwiefern?

In den Camps war es uns nicht möglich, die Sprache zu lernen, da es keine Kurse gab. Zumindest in den Unterkünften, in denen meine Familie und ich untergekommen waren. Danach haben wir zu Hause noch einige Wochen auf die Aufenthaltsgenehmigung gewartet. Erst danach hatten wir das Recht, einen Sprachkurs zu belegen.
Das war das schlimmste Jahr meines Lebens! Die meisten bei uns in den Camps und auch die Nachbarn in den weiteren Unterkünften haben sehr gelitten. Wir sind es nicht gewohnt, einfach nur „arbeitslos“ zu Hause zu sitzen. Ich kenne viele, die aus diesem Zustand in Depression gefallen sind und sogar bereut haben, das Land und den Krieg verlassen zu haben. So schlimm war das für manche. Das muss man sich vorstellen! Ich hätte mir mehr Aktivitäten und Projekte in den Camps gewünscht. Oder dass wir zumindest die Sprache lernen dürfen, bevor feststeht, ob wir in Deutschland bleiben dürfen oder nicht. Das würde niemandem schaden. Vielleicht könnte ich jetzt schon studieren.

Welche Änderungen würdest du diesbezüglich vorschlagen oder durchführen, wenn du könntest?

Eine Sache ganz bestimmt: Ich weiß z.B. immer noch nicht, wie Deutschland funktioniert. Ich weiß zu wenig über die deutsche Kultur. Und das geht nicht nur mir so. Zwar habe ich viel selbst darüber gelesen, aber das reicht nicht. Mir fehlt die Praxis und der Umgang mit den Mitbürgern. Es wäre schöner gewesen, schon in den Camps etwas Einblick in die deutsche Kultur bekommen zu haben. Wir hatten einfach viel zu viel Freizeit. Man hätte sie besser füllen können.
Vielleicht könnte man Kurse und Workshops anbieten. Zum Beispiel Musik, Ausflüge, Sportaktivitäten, Kunst, Geschichte usw. Vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene. Man würde die Unterkunft vielleicht mit ganz neuen Perspektiven verlassen. Ich würde sogar selbst die Camps besuchen und den Leuten meinen bisherigen Wissensstand über Deutschland weitergeben. Natürlich ist es nicht viel. Ich will die Menschen jedoch motivieren und würde alles dafür tun, um es so vielen wie möglich ersparen zu können, in Depression zu fallen. Ich würde ihnen gerne über mein Leben hier „draußen“ berichten. Einfach nur, um ihnen Mut zu machen. Zudem hoffe ich, damit auch einen kleinen Beitrag zur Gesellschaft leisten zu können. Denn diese Menschen würden womöglich mit viel Motivation und neuer Energie die Unterkunft verlassen und schneller in der deutschen Gesellschaft Fuß fassen können.

Was ist dein Traumberuf?

In Syrien war es noch Informatik. Aber wer weiß, wie sich das nach dem Deutschkurs und meiner Recherche über Studiengänge ändern wird…

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Da kann ich hoffentlich endlich gut Deutsch sprechen (lacht). Ich will auf jeden Fall ein eigenes Unternehmen im IT-Bereich gründen. Aber zehn Jahre sind eine sehr lange Zeit. Vielleicht habe ich mich bis dahin umentschieden. Wichtig wäre mir, dass ich so viel wie möglich nehmen und geben kann in dieser Zeit. Ich finde, wir können der deutschen Gesellschaft genau soviel geben, wie sie uns. Wir können alle voneinander lernen. Außerdem gibt es in Deutschland so viele Berufschancen. Ich bin gerade dabei, mich umzuhören, welche Möglichkeiten es in meinem Interessengebiet so alles gibt. Deutschland hat so viel zu bieten. Man muss nur was dafür tun. Und das hab ich auch vor. Einfach zu Hause zu sitzen wäre nichts für mich!

Was würdest du deinen deutschen Mitbürgern gerne mitteilen?

Ich möchte mich zunächst bedanken, da ich weiß, wie viel für Flüchtlinge getan wird. Gleichzeitig möchte ich an diejenigen appellieren, die immer noch gegen uns protestieren: Habt Geduld! Wir sind nicht hergekommen, um eure Staatskasse auszuplündern oder ein faules Leben auf eure Kosten zu führen! Wir Syrer sind ein Arbeitervolk. Wir sind es nicht gewohnt, nichts zu tun. Wir tun unser Bestes, um eure Sprache und Kultur zu lernen und somit ein Teil der Gesellschaft zu sein. Wir können viel voneinander lernen und uns gegenseitig bereichern.

 

Erschienen bei basmamagazine

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