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Interview mit Remzi Aru
Remzi Aru: „Die Menschen haben ein Bedürfnis nach gehaltvoller Information“

Der türkische Unternehmer Remzi Aru spricht mit Nachrichtenexpress über seine erste Buchveröffentlichung, die am Samstag vonstattenging und gleich reges Interesse fand. Das Buch „Feindbild Europas: Erdoğan und die türkische Mehrheitsgesellschaft“ landete auf Platz eins in der Buchkategorie zu „Internationale Politik“ bei Amazon.

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(Foto: Haiko Ottmann)

Istanbul (nex) – Sehr erfolgreich startete am Wochenende der Verkauf des für Kindle und als Druckversion erschienenen Erstlingswerks des in Istanbul wohnhaften türkischen Unternehmers Remzi Aru mit dem Titel „Feindbild Europas: Erdoğan und die türkische Mehrheitsgesellschaft“. NEX sprach mit dem Autor über sein Werk und das Leserpublikum.

NEX: Sehr geehrter Herr Aru, am Wochenende ist Ihr erstes Buch in gedruckter Form und für Kindle erschienen. Was haben Sie denn bis dato an Resonanz erfahren?

Remzi Aru: Ich bin geradezu überwältigt von der Nachfrage, die eigentlich alles übersteigt, was ich mir erhofft hatte. Das Buch steht in beiden Varianten auf Platz eins der Amazon-Bestsellerliste im Bereich „Internationale Politik“, noch vor Ausnahmegrößen wie Peter Scholl-Latour oder in den letzten Jahren sehr populär gewordenen Autoren wie Mathias Bröckers und Daniele Ganser. Besonders schön ist es, vor Huntingtons „Kampf der Kulturen“ zu liegen. Wenn mehr Menschen mein Buch lesen als ewiggestrige kolonialistische Erbauungsliteratur, ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Auch unter allen Büchern insgesamt ist „Feindbild Europas“ bereits unter den Top 500. Deutlich vor Abdel-Samad oder Kissler.

NEX: Und das, obwohl Sie das Buch bei gar keinem etablierten Vertrag herausgebracht haben…

Remzi Aru: Ich habe zusammen mit meinem kleinen Medienteam lange beratschlagt, ob und gegebenenfalls an welche Verlage wir herantreten könnten, um eine Veröffentlichung in einem etablierten Verlag zu erreichen. Wir haben uns schließlich dazu entschlossen, das Buch bei der CreateSpace Independent Publishing Plattform in Eigenregie zu veröffentlichen. Das bedeutet zwar, dass wir unsere eigenen Empfehlungskreise nutzen müssen, aber im Gegenzug verbleiben auch die Einnahmen bei uns und wir können damit weitere Formen der Medienarbeit finanzieren. Wie man bereits an den ersten Tagen sehen kann, spricht sich das Erscheinen des Buches auch so herum, ohne dass ein Verlagsapparat Druck- und Werbekosten und einen wesentlichen Teil des Gewinns einstreicht.

NEX: Erreicht denn das Buch auch ein Publikum außerhalb der türkischen Einwanderercommunity?

Remzi Aru: Darüber mache ich mir gar keine Sorgen. Es gibt ja nicht nur Mitbürger aus der Einwanderercommunity, die gleich mehrere Exemplare ordern, um diese an interessierte Bekannte und Freunde weiterzugeben. Auch dort, wo man jeden meiner Schritte mit besonderem Argwohn verfolgt, hat man mittlerweile mitbekommen, dass „Feindbild Europas“ weggeht wie warme Semmeln. Die Folge wird voraussichtlich sein, dass vor allem PKK-Anhänger und das Umfeld der Terrorversteher und Türkenhasser versuchen werden, das Buch zu diskreditieren. Deshalb ist es umso wichtiger, dass diejenigen, die mit einem objektiven Auge an die Lektüre herangehen, das Buch kräftig weiterempfehlen. Der Anklang, den das Buch vor allem unter türkischen Einwanderern findet, dürfte auch den etablierten Medien nicht verborgen bleiben, sodass davon auszugehen ist, dass es bald auch dort Besprechungen geben wird.

NEX: Was ist eigentlich das Geheimnis dieses schon sehr beachtlichen Anfangserfolgs? Was interessiert die Menschen an Ihrem Buch?

Remzi Aru: Ich glaube, es ist einfach ein Bedürfnis nach gehaltvoller Information da. Die Menschen wollen Fakten erfahren, Zusammenhänge erläutert bekommen, sich selbst ein Urteil bilden können und nicht belehrt, bevormundet und auf einen ideologisch vorgegebenen Klassenstandpunkt verpflichtet werden, wie sie das von deutschen Medien und etablierten Verlagen kennen. Das erklärte die Erfolge von Büchern wie der Putin-Analyse von Hubert Seipel, des Russland-Buches von Gabriele Krone-Schmalz oder des IS-Buches von Jürgen Todenhöfer. Die Menschen wollen Bücher lesen, von denen sie sich einen Erkenntniszuwachs erhoffen, nicht nur reine ideologische Erbauung. Ich habe mich bemüht, Zusammenhänge darzustellen, Abläufe deutlich zu machen, geschichtliche Ereignisse und ihre Folgen zu erörtern und so einen Blick auf das große Ganze zu ermöglichen.

NEX: Vom „tiefen Staat“ über Syrien, die PKK, deutsche „Haustürken“, die Grünen, Islamkritiker und den Fall Marco W. bis hin zum Irakkrieg wird in Ihrem Buch kein heißes Eisen ausgespart. Wird diese Breite an Themen die Leser nicht überfordern?

Remzi Aru: Nein, es hängt ja alles auf seine Weise zusammen. Es wird ja nicht nur die Türkei als Staat in Europa von einer breiten Front an etablierten Kräften zum Feindbild gestempelt, es trifft ja auch die Einwanderercommunity in Europa selbst. In den ersten beiden Generationen gewährte man ihnen noch etwas Schonfrist, jetzt aber fordert jeder auf seine Weise Gleichmacherei und Assimilation, und das, obwohl die türkische Diaspora einen bedeutenden wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg hinter sich hat. Wir sind längst heimisch geworden, aber man behandelt uns immer noch wie Fremde.

Sachliche Gründe dafür existieren längst nicht mehr, also müssen unsachliche dahinterstecken. Ich bin der Sache auf den Grund gegangen und es kristallisierte sich immer mehr heraus: Europa hat ein Problem mit sich selbst, und wir sind der Sündenbock für das, was Europa oder der so genannte „Westen“ insgesamt nicht hinbekommen. Viele der Probleme, die die Türkei in den letzten 90 Jahren hatte, haben ihren Ursprung aber auch im Versuch, krampfhaft den Westen nachzuahmen. Seit 2002 gehen wir unseren eigenen Weg und fahren damit gut. Von daher macht es Sinn, die Thematik mehrdimensional anzugehen.

NEX: Sie greifen linke und grüne Politiker sowie die eigentlich recht „multikulturelle“ 68er Generation in Deutschland so scharf an, wie das bisher noch nie eine türkische Persönlichkeit des öffentlichen Lebens getan hat. Schaffen Sie den Einwanderern damit nicht Feinde in einer ohnehin turbulenten Zeit?

Remzi Aru: Nun,  es gibt in Deutschland heute 10 bis 15 Prozent AfD-Wähler und Funktionäre dieser Partei, von denen viele über die Türkei, über den Islam, über Einwanderer schlichtweg keine Ahnung haben oder nur das kennen, was sie den etablierten Medien entnehmen konnten. Das sind oft nicht einmal böswillige Leute, das sind nicht selten normale Arbeiter, die, wenn sie auf der Schicht ein paar türkische Kollegen hätten und kennen würden, binnen kurzer Zeit ganz anders denken und reden würden. Das sind Leute, die oft noch körperlich schwere Arbeiten leisten und am Feierabend nicht mehr die Energie haben, sich auch noch auf eigene Faust ausgewogene Informationen zu suchen.

Da läuft dann eben der Fernseher, da wird dann eben die Bildzeitung gelesen und da entstehen eben solche Ressentiments. Schlimmer finde ich die meist aus der Oberschicht kommenden, schwarz-grünen „gehobenen Bürger“, die bei jedem Aufmarsch gegen Rechts in der ersten Reihe stehen und dort Gesichtswäsche bei ihren Duzfreunden in den Redaktionen betreiben. Das sind die Leute, die uns seit 40 Jahren sagen, sie wären unsere Freunde und wir könnten uns auf sie verlassen, und die jetzt wie Cem Özdemir die Entmündigung unserer religiösen Vereine fordern oder auf Kosten der Türkei politisches Kleingeld wechseln. Wollte noch vor 30 Jahren jede Partei ihren Heiner Geißler oder ihre Rita Süßmuth haben, um möglichst „multikulturell“ dazustehen, hat heute jede ihren Thilo Sarrazin, zuletzt etwa Boris Palmer bei den Grünen.

Diese Leute haben uns umarmt und auf die Schultern geklopft, um die richtige Stelle für den Dolchstoß zu finden. Die meisten Akteure der „Islamkritik“ kommen nicht aus den rechten Parteien wie DVU oder Republikaner, die es in den 1980er und 1990er Jahren gegeben hat, sondern aus der 68er Generation und der Linken. Oft sind es sogar die Gleichen, die damals die „multikulturelle Gesellschaft“ predigten, die heute gegen Türken, gegen den türkischen Staat oder gegen den Islam hetzen oder die PKK verteidigen. Wir müssen nur uns selbst gefallen, keinem anderen. Wenn mein Buch dazu beiträgt, das deutlich zu machen, hat es wichtige Dienste geleistet.

NEX: Herr Aru, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

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