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Erdogans geheime Waffe im Netz: Die „Ak Trolls“

Wo immer es im Netz um den türkischen Präsidenten Erdogan geht, tauchen sie oft innerhalb weniger Minuten scharenweise auf und verteidigen diesen in den Kommentarbereichen der deutschen Medien.

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(Foto: haberstar)
Selcuk/Türkei (nex) – Wo immer es im Netz um den türkischen Präsidenten Erdogan geht, tauchen sie oft innerhalb weniger Minuten scharenweise auf und verteidigen diesen in den Kommentarbereichen der deutschen Medien.
Sie scheinen gut organisiert zu sein und arbeiten oft sehr professionell. Der Ex-Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschlands, Ali Ertan Toprak, behauptet in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ sogar, dass sie direkt von Ankara aus gesteuert wären und dem Außenministerium zuzuordnen sein könnten. Wir haben uns auf die Reise gemacht und einen dieser sogenannten „AK-Trolls“, die in der Türkei lebende Barbara Falke, für ein Interview gewinnen können.
Frau Falke, Sie sind nicht grade das, was wir uns unter einem „AK-Troll“ vorgestellt haben.
Falke: Da ich nicht weiß, was ein „AK-Troll“ sein soll, bin ich grade nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist.
AK-Trolls sind anscheinend militärisch organisierte, von Ankara aus gesteuerte, Geheimgruppen mit einem Millionen-Budget, die im Netz unterwegs sind und in den Kommentarbereichen der deutschen Medien die Politik Erdogans verteidigen.
Falke: (lacht) Nein, dann bin ich kein AK-Troll. Außer damals im Schwimmverein in Deutschland bin ich auch sonst in keinen Parteien, Vereinen oder anderen Organisationen Mitglied. Ne, ich liebe Unabhängigkeit, vielleicht hat es mich deshalb nie in Vereine oder Parteien gezogen.
(Foto: privat)
(Foto: privat)
Sie sind eine der sehr wenigen Deutschen im Netz, die die Türkei und Erdogan in den Kommentarbereichen verteidigen, wie kommt‘s?
Falke: Ich nehme an, es ist, weil ich in der Türkei lebe und Dinge aus erster Hand erfahre und nicht aus deutschen Medien.
Schreiben deutsche Medien denn nicht die Wahrheit, wenn es um Erdogan geht?
Falke: Oft nicht, nein. Ich beobachte seit Jahren vor Ort, was in der Türkei passiert. Mir fällt auf, dass es viel Propaganda gibt und überall gefährliche Halbwahrheiten, die aber gerne geglaubt werden. Mit meinem Engagement will ich die Leute dazu bringen, nicht mehr so leicht darauf reinzufallen. Naja, was ich schon an bösen Erwiderungen bekommen habe , was mir jetzt nicht wirklich etwas ausmacht, es zeigt nur, wo die Menschen stehen und DAS tut weh. Es ist doch kaum jemand an der Wahrheit interessiert, Hauptsache man hat einen Buhmann. Aber ich höre ja auch nicht auf, meine Meinung zu äußern.
Die Verhaftungen von Journalisten zum Beispiel oder die Islamisierung der Gesellschaft ist also alles erstunken und erlogen von uns?
Falke: Sehe ich so aus, als ob ich „islamisiert“ wurde? Ich lebe hier nun seit über vier Jahren, ich habe davon noch nichts mitbekommen. Wie Sie wissen, lebe ich auch nicht in Antalya oder Istanbul, sondern in einer ganz normalen mittelgroßen Stadt. Wenn ich Freunde und Bekannte hier frage, ist sogar das Gegenteil passiert und das Land in den letzten 12 Jahren viel westlicher geworden, was auch immer damit gemeint ist.

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Und zu den Journalisten: Die Leute werden ja nicht verhaftet, weil sie Journalisten sind. Es gibt Gesetze, die für alle gelten, auch für Journalisten. Und deshalb dürfen auch keine Journalisten eine Terrororganisation unterstützen, das ungerechtfertigte Verhaften von anderen Leuten herbeiführen, Waffen bunkern oder Staatsgeheimnisse ausplaudern. Bäcker oder Schneider dürfen das ja auch nicht.
Die Vorwürfe gegen Koza Ipek Holding zum Beispiel lauten unter anderem Börsenmanipulation, Geldwäsche, Scheinrechnung, Veruntreuung von Geldern und Spenden, Steuerhinterziehung. Es handelt sich um eine Anordnung der Justiz, mit der die Regierung nichts zu tun hat.
Erdogan hat viel getan, um die Türkei nach vorn zu bringen, und ich nehme ihm ab, dass ihm sein Land wirklich am Herzen liegt. Manchmal musste er hart durchgreifen. Das hat aber Gründe. Ich habe den Eindruck, dass sehr viele Leute von innen und außen einen gewaltsamen Regimewechsel wollen, wie es ihn zum Beispiel in der Ukraine gab. Es gibt sehr viele Tageszeitungen und Fernsehsender, die gegen Erdogan sind. Lügen dürfen sie ja, aber Gewalt- und Mordaufrufe muss sich niemand gefallen lassen. Auch Putschversuche nicht.
Von solchen war in westlichen Medien wenig zu lesen.
Falke: Aber es ist offensichtlich, dass vieles versucht wurde. Zuerst die Militärs und Kemalisten, die es nicht akzeptieren können, dass der stark idealisierte Atatürk ein wenig vom Sockel gehoben wird. Dann die Geziproteste, wo plötzlich gut organisierte radikale Gruppen ganze Straßenzüge in Schutt und Asche gelegt hatten. Und dann die zweifelhaften Korruptionsvorwürfe, angeblich mit Millionen Dollar im Schuhkarton des Chefs einer staatlichen Bank. Dann die Abhöraufnahmen. Man sollte sich lieber einmal ansehen, wie diese Bewegung von Pennsylvania aus ihre Fangarme überall hineinbekommen konnte in den Staat, in die Medien, in die Bildung. In Deutschland wird Scientology auch vom Verfassungsschutz beobachtet, weil man weiß, dass sie gefährlich werden kann.
War denn das Vorgehen gegen die PKK berechtigt?
Falke: Eine Kurdin schrieb mir unlängst, wie die Polarisierung der türkischen Bevölkerung auf Atatürks Nationalismus zurückgeht, mit dem Verbot des Bekenntnisses zu verschiedenen ethnischen Zugehörigkeiten. Kurden durften jahrzehntelang nicht ihre Sprache, ihre Kultur pflegen, erst Erdoğan hat sich dafür massiv eingesetzt. Und auf Atatürks Konto gehen viele Hinrichtungen, schon allein für das Tragen der traditionellen religiösen Kopfbedeckungen.
Statt den Versöhnungsprozess zu begrüßen, haben Linke und Grüne die PKK verharmlost und es gerechtfertigt, dass sie ihren Terror wiederaufgenommen hat. Erdogan hat trotz Terrors und zahlreicher Anschläge Infrastruktur und Bildungseinrichtungen in den Kurdengebieten ausgebaut. Die Mehrheit der Kurden will keinen Separatismus, aber es gibt offenbar Kräfte im Ausland, die lieber eine starke PKK als einen stabilen Frieden in der Türkei hätten.
Frau Falke,wir bedanken uns für das Gespräch.

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