Islamkritik Vier Jahre nach Breivik: Warum „Islamkritik“ immer noch unanständig ist

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Vier Jahre nach Breivik: Warum „Islamkritik“ immer noch unanständig ist

Als am 22. Juli 2011 die ersten Nachrichten aus Norwegen kamen, wonach bei einem Bombenanschlag in Oslo mehrere Menschen umgekommen wären und es auf einer Ferieninsel Schüsse gegeben haben soll, waren die üblichen Verdächtigen schnell mit den gewohnten Kommentaren zur Hand.

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Breivik wurde am Tag des Anschlags festgenommen und gestand am nächsten Tag die Taten umfassend. Am 16. April 2012 wurde der Prozess gegen ihn eröffnet, die Anklage lautete auf Terrorismus und mehrfachen vorsätzlichen Mord. (Foto: denken-macht-frei.info)

 

Ein Kommentar von Christian Rogler

Vier Jahre nach Breivik: Warum „Islamkritik“ immer noch unanständig ist
Als am 22. Juli 2011 die ersten Nachrichten aus Norwegen kamen, wonach bei einem Bombenanschlag in Oslo mehrere Menschen umgekommen wären und es auf einer Ferieninsel Schüsse gegeben haben soll, waren die üblichen Verdächtigen schnell mit den gewohnten Kommentaren zur Hand: „Islam ist Frieden“, „Nicht jeder Moslem ist Terrorist, aber jeder Terrorist ist Moslem“ oder „Das hat jetzt aber nichts mit dem Islam zu tun“…Erst am späteren Abend reifte langsam die Gewissheit, dass man sich gerade das Eigentor des Jahres geschossen hatte, denn es war ein blonder, blauäugiger, gutbürgerlicher Europäer, der an diesem Tag 77 vorwiegend junge Menschen ins Jenseits beförderte. Und in seinem 1500 Seiten langen „Manifest“ gab er ausgiebig darüber Auskunft, was das Motiv hinter seinen Terrorakten war. Unterm Strich lief es darauf hinaus: Er wollte das „Abendland“ vor der „Islamisierung“ bewahren und das Bewusstsein hinsichtlich der „Bedrohung durch den Islam“ schärfen.
Man sollte sich durchaus die Mühe machen, im Breivik-Manifest „2083 – Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“ trotz seines horrenden Inhalts aufmerksam zu lesen. Denn wer darin blättert, wird merken, dass hier nicht einfach ein irrer Psychopath abstruse Vorstellungen aus seiner eigenen Welt darlegt, sondern wird über weite Strecken Déjà-vus erleben. Was Breivik in seinem Manifest darlegt, ist im Grunde nur eine kodifikationsähnliche Zusammenfassung dessen, was unter dem Titel „Islamkritik“ seit etwa Mitte der 2000er Jahre auch in unseren Breiten immer mehr zum Konsens in weiten Teilen der Politik und der Medien geworden ist. Was man uns noch in der Schule als Sündenfall der Zivilisation schlechthin vermittelt hat – nämlich Menschen pauschal ihrer Herkunft, religiösen Überzeugung oder Gruppenzugehörigkeit wegen zu verurteilen und zu entrechten -, ist seit dieser Zeit immer mehr salonfähig geworden. Und es zeigt sich darin das anhaltende totalitäre Potenzial in Europa 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.
Vom „Das wird man wohl noch sagen dürfen…“ über die angeblichen „Denkverbote“ mit Blick auf Einwanderer und Muslime, die angebliche „zivilisatorische Überlegenheit“ der westlichen Kultur, die durch diese bedroht sei, aus dem Zusammenhang gerissene Koranzitate, die angebliche „Islamisierung“ und das drohende „Eurabien“, den vermeintlichen „Eroberungsplan“ islamischer Einwanderer, die „Demografiebombe“ bis hin zum angeblichen religiösen Hintergrund von Jugendkriminalität oder dem auf eine „Auslöschung europäischer Identität“ zielenden „Multikulturalismus“ fehlte nichts, was wir nicht auch schon ad nauseam von Thilo Sarrazin, Hamed Abdel-Samad, Necla Kelek, Nicolaus Fest, Alice Schwarzer oder Ayaan Hirsi Ali zur besten Sendezeit zu hören bekamen und immer noch regelmäßig bekommen. Der Unterschied ist lediglich, dass Anders Breivik in seiner „Islamkritik“ nur ein paar Schritte weitergegangen ist und die Denkweise, die hinter dieser steckt, bis zum letzten Schritt konsequent weitergedacht hat.
Denn wenn, wie uns „Islamkritiker“ weismachen wollen, „der Islam“ insgesamt keinen Platz in Europa hat, wenn er eine dem kollektiven „Wir“ diametral zuwiderlaufende Überzeugung ist, der die von der Verfassung garantierten Rechte auf Glaubens- und Gewissensfreiheit nicht gewährt werden dürfen, wenn er eine Bedrohung des Gemeinwesens darstellt, gegen die mit den Mitteln staatlicher Repression, etwa durch Verbote, Umerziehungsmaßnahmen, Entzug der Bürgerrechte oder Assimilationspolitik vorgegangen werden muss – dann ist davon auszugehen, dass die „Kritiker“ nicht darauf bauen dürften, dass die widerspenstigen Muslime sich durch Zwang oder die täglichen Pöbeleien und Herabwürdigungen vom ach so verderblichen Charakter ihrer Religion überzeugen lassen werden. Und spätestens da stellt sich die Frage, was sie, wenn Sie das Sagen haben, tun würden, wenn Millionen Muslime in Europa allen Anfeindungen zum Trotz an ihrer religiösen Überzeugungen festhalten.
Dass es Menschen gibt, die grauenvolle Taten begehen und dabei behaupten, im Namen des Islam zu handeln, ist ohne Zweifel zutreffend und der muslimische Mainstream ist sich selbst dieses Problems bewusst. Der Konsens unter Muslimen ist, dass die Terroristen und Mörder tatsächlich keine Rechtfertigung im Islam finden und dass deshalb der Islam selbst eine Waffe gegen den Terror ist. Und das ist auch zutreffend, denn so wie alle abrahamitischen Weltreligionen die gleiche Wurzel haben, teilen sie auch die gleichen tragenden Pfeiler jeder Religion: Hingabe an Gott, Beherrschung niedriger Triebe, Güte und Anstand im Umgang mit dem Mitmenschen. Wer wirklich religiös ist, kann deshalb gar keinen Terror gegen seine Mitmenschen begehen.
Die „Islamkritik“ hingegen ist die konsequente Fortsetzung jenes totalitären, etatistischen Denkens, das von der Französischen Revolution über die Weltkriege, die Völkermorde, die Ideologien wie Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus bis hin zu den Massakern im ehemaligen Jugoslawien immer wieder Menschen auf Grund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ihre Rechte abgesprochen hat. Und deshalb ist Breivik nicht etwa ein bloßer Betriebsunfall der „Islamkritik“, sondern deren unausweichliche Konsequenz.

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